Willkommen in con-dom

und im Reich der Wortspiele, ob gelungen oder nicht, mag im Auge der Betrachtenden verbleiben. Jedenfalls meine ich damit jenes Reich der Konferenzbummler, sowohl als Teilnehmende als auch als Sprechende. Einige davon performen jährlich, monatlich oder wöchentlich den gleichen Talk auf unterschiedlichen Bühnen an unterschiedlichen Orten vor teils dem gleichen und selben Publikum.

Für einige Jahre gehörte ich selbst zu den regelmäßigen Con-BesucherInnen, lernte interessante und auch langweilige Menschen kennen, sprach angelegentlich selbst, etwa über CSS, die Geschichte von Piratensendern und Freien Radios, Vertrauen im Netz oder scheitern-getriebenes Debugging von Intuition. Bis mir all die Wiederholungen, das Köcheln im eigenen Saft auf die Nerven ging. Und das beobachtete ich zunehmend in der sog. Internet-Szene.

Für andere mag das anders sein, es mag kleine Highlights hier und da geben, die ich in meiner blasierten Borniertheit nicht mitbekomme. Jedenfalls finde ich, daß über die breiten Themen zur Genüge aus den verschiedensten Blickwinkeln diskutiert wurde. Daher ist es an der Zeit, die Landschaft in Condom zu beleben, etwa indem mal mehr Frauen auf die Bühne kommen. Es gibt genügend Seiten im Netz mit Informationen über Frauen und ihre Themen, exemplarisch Speakerinnen, die jüngste davon. Wer also eine Konferenz organisieren will, hat nicht mehr wirklich eine Ausrede dafür, ausser den sattsam bekannten Platzhirschen keine Speakerinnen zu finden.

Daß eine solche Plattform alleine noch nicht reicht und Frauen möglicherweise etwas anders nach Condom eingeladen werden möchten (etwa mit Kinderbetreuung oder in Anbetracht des Gender-Pay-Gaps mit Übernahme von Fahrt- und Unterkunftskosten etc) - nunja, ich denke, das sind Umstände, die auch dem ein oder anderen alleinerziehenden Vater weiterhelfen dürften.

Heute morgen kam ein Link auf Der digitale Wandel durch meine Twitter-Timeline. Ich schaute kurz über das Inhaltsverzeichnis: kaum Autorinnen und längst Bekanntes. Möglicherweise bin ich nicht die Zielgruppe dieses Print-Erzeugnisses, das vermutlich eher einer internetferneren Gemeinschaft die Themen des Netzes/Digitalen nahebringen möchte. Meine Anmerkung über die geringe Autorinnenanzahl brachte eine Diskussion in Gang, über die ich immer noch nachdenke.

Kurz: die wenigen Autorinnen seien bereits aufgefallen, aber es gäbe keine Ideen, was getan werden könne und es sei doch alles offen. Auf den Hinweis, es gäbe sicher genug Frauen, die sich äussern könnten, hiess es, der Eindruck täusche. Das kann gut sein, kann aber auch ein Zeichen zu verkrusteter Strukturen sein. In beiden Fällen stellt sich jedoch die Frage, wie der Status Quo geändert werden könnte. Also fragte ich nach, wie das Mitmachen möglich wäre mit einem Vorschlag zu "Die Frauenquote in den Zeiten der Digitalisierung". Das sei als Thema nicht breit genug gefasst, lautete die Antwort. Für mich war damit das Interesse erloschen. Es langweilt mich zutiefst, konkrete Themen dauernd in breitere Kontexte einbinden zu müssen, nur um ihnen eine Daseinsberechtigung zu verleihen. Ausserdem: wenn es keine Zuspitzungen geben soll braucht man sich auch nicht wundern, wenn Diskurse in breitgetretenem Einerlei zerfliessen.

Möglicherweise kam es hier auch zu einem Mißverständnis, es wäre nicht das erste Mal, daß die 140 Zeichen von Twitter und seine Unfähigkeit zum Chat für Verwirrung sorgten. Mir ging es eigentlich um das Magazin Der digitale Wandel, aber es waren auch die Initiativen des Collaboratory im Spiel. Nun treiben mich folgende Fragen um: Ist es möglicherweise eine gendertypische Haltung von mir, lieber über konkretere Themen in die Tiefe zu gehen? Was müssten sowohl das Magazin als auch das Collaboratory tun, um mehr Frauen anzusprechen? Frauen, kommentiert doch mal, was es für Euch attraktiv machen würde, in den Collaboratory-Initiativen mitzumischen oder in dem Magazin zu veröffentlichen? Breiter gesprochen: was würde Frauen den Aufenthalt in Condom angenehmer machen und wären das Aspekte, die zu einer Bereicherung/Diversifizierung der allgemeinen Konferenz-Kultur beitragen könnten?

Ich wäre froh, Condom in Zukunft nicht als von Ents bevölkertes Reich zu sehen, die nur noch traurig darüber sind, daß sie die Ent-Frauen nicht mehr finden.

Feed für diesen Eintrag

  • Tobias Schwarz am Discord 39, 3180, 18:41

    Hallo Regine,

    wir sind von dem neuen Collaboratory-Magazin "Der Digitale Wandel" auf die Initiativen des Collaboratory gekommen, da ich mir bei den Initiativen schon einmal darüber Gedanken gemacht habe, wieso der Anteil von Frauen so gering ist, mit dem Magazin aber nichts zu tun hatte.

    Es gab ein Missverständnis, bzw. unterschiedliche Sichtweisen, deren Unterschiede mir bisher nicht aufgefallen sind, die mir aber inzwischen klarer dargestellt worden. Meine Bitte, das Thema breiter zu fassen und bestimmte Punkte der Debatte dann innerhalb einer Initiative spezieller zu betrachten, war ein gut gemeinter Rat, da ich glaube, dass das Thema dann bei einem Pitch eher genommen wird und es dann einfacher ist, engagierte Menschen zu finden, die bei so einer Initiative mitmachen. Manche Menschen müssen eben bei einer Thematik "früher abgeholt" werden. Das habe ich dir als jemand geschrieben, der zwar im Collaboratory tätig ist, aber nichts mit den Bewerbungen für Initiativen zu tun hat.

    Was mir nicht bewusst war, dass vielleicht gerade hier ein Grund dafür liegt, dass sich statistisch gesehen weniger Frauen als Männer in einer offenen Plattform wie dem Collaboratory engagieren. Ich weiß nicht, ob das ein Grund ist, mir war aber bisher nicht klar, dass das ein Grund sein könnte. Das habe ich durch die Debatte, einer Mail von Jörg Braun und deinem Blogpost verstanden.

    Eine Frage, mit der sich jemand beim Collaboratory bewirbt, muss vielleicht nicht, wie ich dir geraten habe, verallgemeinert werden. Vielleicht muss das Collaboratory speziellere Fragen zu lassen. Da ich bisher die Möglichkeit eines solchen Problems nicht gesehen habe, kann ich dir nicht sagen, ob es das Problem bei uns wirklich gibt oder ob auch speziellere Forschungsfragen grundsätzlich möglich sind. Wir wissen eben nicht, wie viele Menschen sich aufgrund unserer Strukturen nicht beworben haben.

    Bei eigenen Veranstaltungen und so gut es geht in unserer Sprache, versuchen wir uns gesellschaftlichen Problematiken zu stellen. Wir achten bei der Organisation von Events, dass mindestens 50 Prozent der Menschen auf dem Podium Frauen sind. Bei Initiativen, die unabhängig von uns sind, denen wir aber beratend zur Seite stehen, versuchen wir solche Ideen mit einzubringen. In Publikationen von MitarbeiterInnen des Collaboratory, wird auf eine gendergerechte Sprache geachtet.

    Über den von dir angesprochenen Punkt der Kinderbetreuung und der Organisation von Veranstaltungen zu Uhrzeiten, in denen auch Kinder erziehende Menschen sich engagieren können, werde ich noch nachdenken müssen. Ich kann dir versprechen, dass ich das Thema im Collaboratory anspreche und dich bitten, da demnächst wieder eine Ausschreibung beginnt, dich so zu bewerben, wie du das möchtest.

    Bis denn, dann... Tobias

  • Regine Heidorn am Discord 39, 3180, 19:30

    Danke, Tobias. Gender-Kram ist ja doch immer recht schwer zu fassen. Tatsächlich war ich etwas verwirrt über Magazin und Initiative. Die Idee der Initiativen finde ich gut und klar, es ist auch wichtig, Menschen abzuholen.
    Vielleicht holen diese breiten Themen aber auch die Frauen als Publikum nicht ab?
    Eine Initiative zum Thema Frauen im Digitalen würde sicher genügend Expertinnen finden, um evtl den umgekehrten Weg zu versuchen - die Ergebnisse vom Konkreten in die Breite zu transportieren und zu sehen, wo es einen Transfer gibt.
    Ich denke da mal weiter drauf herum.

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