Wie soll ich mir den Tod vorstellen?

Maria Hipp, 1919-2015Am 31.3.2015 wurde auf dem Waldfriedhof in Freiburg die Urne von Maria Hipp beigesetzt.

Meine Verbindung zu ihr war nicht eng, aber für meine Mutter war sie als Lehrhebamme fast schon mehr als prägend. Im Februar 2000 konnte ich mit Maria Hipp ein biographisches Interview machen, das damals in einer Würdigung zum 80. Geburtstag in der Deutschen Hebammen Zeitschrift resultierte (Heidorn, Regine: Maria Hipp. Über eine engagierte Hebamme und Berufspolitikerin, Deutsche Hebammen Zeitschrift, 5/2000, S.293-294). Die Begegnung hat mich nachhaltig beeindruckt.

"Viele Menschen bauten auf Maria Hipp. Es wurde niemand enttäuscht." sprach der Pfarrer. Die Predigt war aufgebaut auf Prediger, Kapitel 3 "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist." Passend für eine Hebamme, die den Wert von Geduld und Einfühlungsvermögen in ihrem Beruf nicht nur kannte, sondern auch gezielt lehrte. Weil für eine Geburt geradezu bestimmende Erfolgsfaktoren: "Die beste Hebamme ist die Frau, die variabel genug ist, auf die verschiedenen Frauen richtig zu reagieren.", wie Maria Hipp im Interview feststellte.

Einige Hebammen waren versammelt, Kolleginnen, ehemalige Schülerinnen. Das Besondere an einer Hebammen-Beerdigung offenbarte sich bei der Beisetzung der Urne. "Von Erde bist du genommen und zu Erde sollst du werden." - wieviele Menschen wurden durch die Hände geboren, die nun die Urne einer Lehrhebamme mit Erde bedeckten.

"Schwester Mary hat uns immer den Rücken freigehalten und uns den Ärzten gegenüber verteidigt, da hat uns kein Oberarzt eine Geburt weggenommen." so sprachen die ehemaligen Schülerinnen einhellig beim Totenkaffee. Resolut und bodenständig. Und ja, ich kann mir gut vorstellen, was der Pfarrer in der Predigt erwähnte. Daß Maria Hipp sich in den letzten Tagen fragte: "Wie soll ich mir den Tod vorstellen?" Wie soll sich ein so im Lebenswillen disziplinierter und praktisch beherzter Mensch, die so viele Menschen ins Leben begleitete, den Tod vorstellen? Die Hürde in der Vorstellungskraft ist deutlich spürbar.

Mich hat es damals im Februar, in einem milden Freiburger Frühlingsanfang auf der Terrasse bei Maria Hipp nachhaltig beeindruckt, wie sie fragte: "Trinket Sie an Campari-Orange mit mir?" und kurze Zeit darauf mit üppigen Mengen Campari, Orangensaft und Eiswürfeln auftauchte. "Campari muss immer im Haus sein." verkündete sie. Wir tranken schweigend und genossen die erste wärmende Sonne nach der Jahrtausendwende. Ich möchte sagen: "Stell Dir den Tod vor als eine große Durchdringung, frei von materiellen Fesseln. Für mich durchdringst Du das Lebenswerk meiner Mutter. Und den ein oder anderen Camapri-Orange, den ich auf Dich trinken werde."

Kurzbiographie Maria Hipp

Mit weit über 10.000 Geburten kann Maria Hipp auf ein engagiertes Berufsleben als Hebamme zurückblicken, das durch unterschiedliche Phasen geprägt ist und einen seiner äußerlichen Höhepunkte in der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande 1977 fand.

Jedoch von vorn: Am Anfang stand 1919 - wie sollte es anders sein - eine Geburt. Nach der Mittleren Reife und einem Irrweg von der Telefonistin zur Zahnarzt- und Arzthelferin begann Maria Hipp 1940 die Ausbildung zur Hebamme an der Landesfrauenklinik und Hebammenlehranstalt Stuttgart-Berg. Die damalige Oberhebamme Luise Dölker war für sie "ein herausragendes Vorbild unter den Hebammen. Sie war eine hervorragende Organisatorin und pflegte einen gerechten und gleichwertigen Umgang mit ihren Schülerinnen. Luise Dölker erkannte meine Fähigkeiten und übergab mir die entsprechende Verantwortung."

Ausschlaggebend für den Wechsel zum Hebammenberuf war für Maria Hipp der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung. Sie war fasziniert von der Wechselwirkung zwischen Hebamme und Frau. "Sie haben eine tiefe Beziehung wegen der Ausnahmesituation, in der sich die Frau befindet. Gefordert ist die Sensibilität der Hebamme, das zu erkennen und darauf den Zugang zur Frau aufzubauen."

Nach einigen Jahren als Klinikhebamme in Berlin baute sie mit Prof. Dr. W. Pschyrembel die zerstörte geburtshilfliche Abteilung des Städtischen Krankenhauses Berlin-Friedrichshain auf. Pschyrembel, der damals Oberarzt war, prägte die junge Hebamme: "Pschyrembel befriedigte meine Wißbegier und gab mir ein fachliches Gerüst. Er ermöglichte mir, als Hebamme ein Selbstbewußtsein zu entwickeln und förderte Verantwortungsbereitschaft." Maria Hipp arbeitete als Oberhebamme, gab Fortbildungskurse für freiberufliche Hebammen und lehrte ab 1950 im Fach Geburtshilfe an der Krankenpflegeschule der Charité. Nach 4 Jahren Hebammenarbeit im Kreiskrankenhaus Göppingen arbeitete sie von 1956-65 als leitende Hebamme an der Universitätsfrauenklinik und Hebammenlehranstalt Heidelberg.

Sie arbeitete am Lehrplan zur 2-jährigen Hebammenausbildung mit, die 1963 in Kraft trat. 1966-79 folgte weitere leitende Arbeit an der Universitätsfrauenklinik und Hebammenlehranstalt Freiburg. Ab 1972 vertiefte Maria Hipp die Verbandsarbeit als 1. Vorsitzende des Verbandes Deutscher Anstaltshebammen. Sie beteiligte sich an der Entwicklung der “Aktion Familienhebamme“ im Bremer Hebammen-Projekt von 1979-83.

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