Tschüß, treues Gefährt

Es muss so 1990 gewesen sein. Ich war knapp 18, gerade von zu Hause nach Hannover gezogen. In Giessen arbeitete ich neben der Schule in einem Fahrradladen, spezialisiert auf Einspeichen und Zentrieren. Diese Arbeit wollte ich gerne fortsetzen und fand Anstellung. Ausserdem sollte endlich mein Traum eines eigenen Rennrades Erfüllung finden.

Der Rahmen war schnell gefunden, ein Dancelli (einer der letzten) Reiseradrahmen mit weitem Radstand. Zwischen Hinterrad und Sattelstrebe konnte ich an der schmalsten Stelle meine flache Hand dazwischenschieben. Das wurde belohnt mit einem komfortablen Geradeauslauf, ein Reiserad eben.

An die restlichen Komponenten kann ich mich nicht mehr genau erinnern: eine Shimano-105-Gruppe, Shimano-Klickpedale, Brooks Ledersattel, Gepäckträger vorne und hinten, Ortlieb-Gepäcktaschen und Lenkertasche. Hauptsächlich wurde es allerdings als Rennrad genutzt und war von nun an überall dabei: Besuch bei Freunden weltweit (mit dem Fahrrad durch den Kreisel am Arc de Triomphe in Paris, muss man mal gemacht haben: ich brauchte 5 Runden, bis ich da raus konnte, wo ich hinwollte), Urlaub in Italien, Alltag, Trainingsrunden, am Wochenende mal auf dem Rad nach Hamburg, Triathlon mitfahren, RTFs in Hessen, die Maralp-Tour 2 Tage Schweiz-Italien über mehrere Pässe. Es taugte auch, im Schwarzwald ein paar Moutainbikern im Gelände den Rang abzufahren.

Und das ohne die geringste Verformung der Felgen. Überhaupt, die Laufräder zählten zu den ersten, die ich einspeichte. Eloxierte Mavic-Felgen, war ganz heiss. Nie eine Acht drin, bin ich heute noch stolz drauf. Meine Bestzeit für ein Laufrad waren übrigens 18 Minuten.

Oh, und es wurde mir im Laufe der Jahre 3 mal geklaut, das war jedesmal ein Riesenschreck, aber irgendwie fand ich es immer wieder. Teils durch Geduld, teils durch Zufall. Einmal besichtigte ich eine Wohnung. Als ich runterkam, war es weg (abgeschlossen, aber nicht angeschlossen). Ich rannte überall hin, ging zur Polizei (die mich mal lustig auslachten, Danke dafür!), wieder zurück. Irgendwie war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich nur lang genug auf die leere Stelle schauen müsste, dann würde es sicher wieder da stehen. Irgendwann kam ein Mensch im Blaumann vorbei und fragte, ob ich etwas suche. Ja, mein Fahrrad. Wie es aussähe? Blaues Rennrad. Ich solle mal mitkommen. Er arbeite an den Lüftungsanlagen und hätte beobachtet, wie es jemand im 14. Stock abgestellt hatte, um später das Schloss zu knacken. Ich war ja versucht, einen Zettel mit "Ätsch!" drauf zurückzulassen. Man muss eben auch mal nur lang genug auf eine Stelle starren können ...

Radkurierfahren in Bremen machte damit zwar Spaß, aber ich hatte Angst, es zu verlieren. Daher legte ich mir ein günstiges Univega Mountainbike zu, das ich immer noch als Stadtrad verwende. Irgendwann schliefen meine Radaktivitäten ein. Ich wurde 30, hatte etwas Geld und schenkte mir ein richtiges Rennrad. Ein Cannondale, das ich in meinem alten Fahrradladen in Giessen erwarb. Die Lieferung verzögerte sich wegen der Anschläge von 9/11.

Der Trend ging zum 3.-Rad, auch wenn ich alle 3 nicht so viel fuhr wie das blaue Rennrad vormals alleine. Dann kam der Führerschein, Auto und Motorrad, das Radfahren schlief fast völlig ein. Es kam dazu, dass ich mich in Berlin nicht so recht mit dem Fahrrad einfinden konnte. Mir fehlte eine gute Hausstrecke oder ein wenig Gesellschaft.

Mitte letzten Jahres wendete sich das Blatt: ich hatte wieder Lust auf Rennradfahren, fand eine gemütliche Hausstrecke. Das blaue Rennrad erwies sich als weichgetreten und zu behäbig, gerade im Kontrast zu dem nervös-sportlichen Cannondale. Und es tat mir leid, wie es so unbenutzt herumstand. Gegenüber machte die cikago-Bude auf, die Jungs hatten schöne alte Räder im Fenster. Da war ich richtig und ich hoffe, dass das treue Gefährt nach 22 Jahren (die Hälfte meines Lebens) ordentlich aufpoliert wieder jemanden gefunden hat, der/die es nicht nur zu schätzen weiss, sondern vor allem auch artgerecht hält.

Dancelli Reiserad, Jahrgang 1990 Ein Wort zu dem gelben Lenkerband: ich hatte damals einen Verschleiss von ungefähr 2 Lenkerbändern pro Jahr und ging daher dazu über, einfach die günstigsten zu nehmen oder Ladenhüter für umme. Der Spaß des Fahrens kam schliesslich nicht durch die Farbe des Lenkerbandes zustande und länger als ein paar Monate hielt es eh nicht.

Und das ist jetzt übrigens draus geworden.

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  • Max am Bureaucracy 34, 3179, 09:04

    Hmm, Shimano 105, da hatte ich mir ja auch mal ein Schaltwerk mühsam zusammengespart. Naja, eigentlich wars nur einen Samstag Inventur um Supermarkt und meine Mutter gab mir ihr Geld auch noch dazu. Das war auch so Anfang/Mitte der 1990er

    Das Schaltwerk war an dem Eigenrennrad (geerbt von meinem Bruder) dann das teuerste Teil, welches ich daran baute und ich fands großartig.

    Vom Rad trennte ich mich dann vor einigen Jahren auch schweren Herzens und als ich wieder in Berlin wohnte, hatte ich keins und es musste ein neues her.

  • Regine Heidorn am Bureaucracy 34, 3179, 09:45

    Ich hatte ja das Glück, im Fahrradladen zu arbeiten und kam daher einerseits günstig an Teile und konnte andererseits das Fahrrad von meinem Lohn abstottern. Sprich: mein erstes selbst zusammengebautes Fahrrad, das ich mir von meinem ersten selbstverdienten Geld leisten konnte. Und jetzt kommst Du, Dagobert Duck, mit Deinem nutzlosen Taler, der unter einer Glashaube vor sich hin verstaubt!

    Apropos Schaltwerk: das war nicht das 105er, denn die Gruppe war ja reines Rennrad. Da ich 7 Gänge und 2 Kettenblätter hatte, musste ein Schaltwerk mit langem Käfig her, um die Kettendifferenz zwischen kleinstes Ritzel kleinstes Kettenblatt und größtes Ritzel größtes Kettenblatt auszugleichen. Das Schaltwerk war Shimano Deore, wenn ich mich recht erinnere.

  • bemme51 am Bureaucracy 34, 3179, 20:46

    Mein Batavus war meine ewige zweite Heimat. Bis ich für Glasscherben und Strassenbahnen doch die >2"-Reifen bevorzugt habe. danach habe ich das Teil abgewrackt und den Rahmen strahlen und nasslackieren lassen. Nasslackieren! In feinstem Gewitterblau. Macht ja heute kaum noch jemand, wird ja alles gepulvert. Naja. Aber in dem 126er Hinterbau ne zeitgemäße Nabe unterzubringen ist schon eher ein Kunststück. Ich habe kapituliert und den Rahmen verkauft.

    Und warte auf den nächsten Februar. Dann soll mein neues Rad lieferbar sein. Solange muss ich mich mit den anderen dreien begnügen. Schröcklich.

  • Max am Bureaucracy 34, 3179, 20:47

    Na eigentlich sollte die 105er als Rennschaltwerk aber die 7x2 Gänge schaffen, war ja schließlich mal Standard im Rennsport.

    Ich hatte 6x3, mir aber nicht wirklich soviele Gedanken über sowas gemacht, es hat ja funktioniert, obwohl ich vorn auch ein recht großes Kettenblatt hatte.

  • Regine Heidorn am Bureaucracy 34, 3179, 22:26

    Ja, Herr Bemme, gedrosselte Fahrradflatrate ist schon hart. Und auch noch über den Winter, Tsetsetse, nicht auszudenken!

    Also es ging ja nicht nur um die 7x2, sondern auch um die Größen. Und die Übersetzungen waren eben mountainbiketypisch gerechnet in größeren Abstufungen. Eben damit man im Gelände auch über paar Wurzelstöcke und grobe Wege noch bergauf kommt. Im Strassenbereich geht das insgesamt kleiner und in feineren Abstufungen. Der Schaltkäfig vom Cannondale ist recht kompakt, für die Strasse, wo es gut rollt, genau richtig.

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