Slow Commenting

Nach Slow Food und Slow Media möchte ich Slow Blogging und vor allem Slow Commenting zum Slow Movement ergänzen.

Es geht mir dabei nicht um die Langsamkeit oder Entschleunigung als Wert an sich, sondern vor allem um den Zugewinn durch asynchrone Kommunikation: Blogposts brauchen ihre Zeit, bei mir bewegt sich die Entstehung in einer Spirale aus Leidenschaft für eine Idee, Distanzierung davon, Reflektion, Diskussion, Erlebtes in neuem Licht, anfangen, pausieren, Unzufriedenheit, weiter darauf herumdenken und so weiter bis irgendwann der Post fertig ist. Dabei hinke ich der Echtzeit von Ereignissen oft hinterher, muss aber im Gegenzug nicht in jeder Crowd mitheulen, die gerade eine Sau durch Blogsdorf oder die Twitteria treibt.

Und das gilt natürlich auch für die Kommentare - oft stolpere ich über Blogposts von anderen erst relativ spät, aber ich finde sie trotzdem gehaltvoll. Und nehme mir gerne die Zeit dafür, das Gelesene auf mich wirken zu lassen, bevor ich mich dazu äussere. Da vergehen schnell mal ein paar Tage.

Blogs und ihre Kommentare sind so gesehen nicht nur eine Nische, in der sich ähnlich Kommunizierende in ihrer Filterbubble treffen, sondern sie profitieren von dem, was man im E-Commerce den Longtail-Vorteil nennt: in den Anfängen des E-Commerce liess sich zusammen mit der Entdeckung des Longtail feststellen, dass sich die Warenvorratswirtschaft von Unternehmen verschob. Beispiel Bücher - im Online-Versand geht es nicht mehr nur darum, die aktuell meist verkauften Druckwerke und einige immer gehende Klassiker im Laden vorrätig zu halten. Jemand rezensiert ein Buch, das sich nicht im allgemeinen Kanon oder auf den Bestsellerlisten befindet. In der Folge steigt die Nachfrage bei Online-Händlern (wenn auch nicht signifikant, aber es wird nachgefragt). So entsteht zusätzlich ein Longtail-Angebot von Produkten, die sich nicht punktuell massenhaft verkaufen, sondern stetig in geringer Menge.

Genau so sehe ich das langsame Bloggen und Kommentieren im Longtail. Die Vorteile der Asynchronizität liegen darin, dass es möglich wird, den eigenen Interessen nachzugehen, wenn sie relevant werden und nicht, wenn es gerade alle machen. Es ist ja schlechterdings nicht möglich, immer über alles informiert zu sein, was gerade so superwichtig ist. Und nur weil es gerade aktuell ist, heisst das noch nicht, dass es im eigenen Leben gerade eine Rolle spielt. Daher für mehr langsames Bloggen und langsames Kommentieren, gegen die Sperrung einer Kommentarfunktion nach Ablauf einer bestimmten Zeit. Also wenn Ihr hier auf ältere Einträge und/oder Kommentare trefft, zu denen Ihr was zu sagen habt: bitte machen! Gegen die Zeitschere im Kopf, für das Verfolgen der eigenen Interessen zur richtigen Zeit.

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  • Max am Chaos 18, 3179, 14:37

    Hach, ich gebe zwar gerne meinen Senf aktuell zu den Themen im Feedreader ab, aber da schließt ja eben nicht aus, dass ich durch Recherche auf mir noch unbekannte Blogs und ältere Beiträge treffe.

    Bei mir im Blog gibt es auch so 2-3 Beiträge, zu denen jedes Jahr ein paar Kommentare hinzu kommen, weil die Leute den Artikel eben auch durch eine Suchmaschinen fanden.

    Wenn ich eine Anleitung oder ähnliches hilfreich fand, welche zwar schon älter ist, hinterlasse ich trotzdem gern ein paar Worte dazu. Zum Glück wird in den meisten Blogs ja nicht gleich so reagiert wie in manchen Foren, bei denen man einen alten Beitrag 'ausgegraben' hat.

  • Regine am Chaos 18, 3179, 22:26

    Hachja, die Foren - wo man gleich mal angemacht wird, man solle die Suche betätigen :D
    Das mit der Suche ist ein Fall und es ist gut, in den Kommentaren zu lesen, dass es funktioniert, zumindest bei den Tech-Blogs. Dafür ist ja Stack Overflow eine ganz hervorragende Lösung.
    Abgesehen davon finde ich, dass Blogs ja auch davon leben, sich untereinander zu verlinken und da auch gerne ältere Posts. Manche davon sind eh so zeitlose Perlen, dass ihnen ab und an etwas frische Aufmerksamkeit durchaus gebührt.

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