Mein Schatzzz - das Analoge im Digitalen

Berlin, 28.4.2014, RBB Inforadio berichtet über den ersten Arbeitstag des neuen Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner. Für ihn ging es wohl los mit einer Anhörung vor dem Kulturausschuß zur Berliner Bibliothekslandschaft.

RBB Inforadio berichtet in "Der Tag in Berlin und Brandenburg": "Das Bedürfnis der Menschen sei es, in die Bibliothek zu gehen, sagte Wowereit. Neue Aufgaben könne da die geplante neue Zentral- und Landesbibliothek leisten. Nach dem Ausschuß gab auch Tim Renner zu erkennen, daß sein Herz für eine solche Metropolenbibliothek schlägt. Seine Begründung: 'Wir sind jetzt in der Situation drin, daß wir auf der einen Seite dringend sicherstellen müssen, daß Menschen, die den digitalen Wandel nicht mitnehmen wollen und nicht mitnehmen können nicht von Informationen abgeschnitten werden und daß sie plötzlich an ihre analogen Produkte nicht mehr kommen. Die andere große Gefahr, die wir haben, ist eben, daß wirklich ein Wissensmonopol von uns weg wandert. Also gerade eben halt vom europäischen Kernland, wo wir eben halt eine eigene Identität haben, hin nach Amerika. Und das können wir nur, indem wir Neues lernen, neue Wissensvermittlung, auch digitale Wissensvermittlung, probieren.'"

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Vor einigen Tagen spielte ich mit einer Freundin das Rhetorische Quartett und fragte mich sofort, wie sich Renner hier positioniert. Zum einen sehe ich hier ein klassisches Derailing: die Anhörung fand zur Berliner Bibliothekslandschaft statt, aber es ging wohl nicht darum, wie in einer flächenmässig großen Stadt, deren Menschen sich nur seltenst aus ihrem Kiez heraus- bewegen, eine gute dezentrale Informationsversorgung nicht nur mit analogen Produkten gewähr- leistet werden könnte. Es ging um das Politikum Tempelhofer Feld. Zumindest, wenn ich mich auf die Berichterstattung von Inforadio verlasse.

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Inhaltlich werteten meine Freundin und ich die Stellungnahme von Tim Renner als Angstargument: Zwei Gefahren sieht er als dunkle Gewitterwolken am Horizont herauf- ziehen - ein analoges Proletariat, daß seine geliebten analogen Produkte nicht mehr bekommt, abgeschnitten von den großen Datenautobahnen der Globali- sierung. Zu finden sind diese analogen Produkte natürlich allenfalls noch in Bibliotheken, sonst interessiert sich ja niemand mehr für Zeitungen oder Bücher. Die Bibliotheken - die letzen Horte der europäischen Kulturidentität - sollen uns zweitens davor bewahren, daß unser Schatz, unsere Identität, dieses jahr- hundertealte Wissensmonopol, nicht von uns wegwandert. Sein Heilmittel: neue Wissensvermittlung, gerne auch digital, probieren.

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Ihr findet mich leicht verwirrt: Analog muss aus sozialer Gerechtigkeit (Menschen nicht vom Informationsfluß abschneiden) be- wahrt werden. Fast schon ein Mitleidargument. Aber mehr als das: Analog ist europäische Kern-Identität, ein Wissensmono- pol, also sehr "wichtig für den Staat wie fürs Individuum, kurz fürs ganze Publikum" (H. Heine). Andererseits aber ist das Heilmittel dagegen - digital. Neues Lernen, digitale Wissensvermittlung. Ich sehe da keinen vernünftigen Standpunkt. Ganz zu schweigen davon, daß mit keinem Wort auf das Politikum Tempelhofer Feld eingegangen wurde. Aber das kreide ich eher dem Inforadio an.

Seit heute jedenfalls sehe ich die Bebauungspläne für das Tempelhofer Feld mit anderen Augen: das legendäre Flughafengebäude wird unseren kern- europäischen Identitätsschatz mit Adlerklauen verteidigen gegen den mit Google-Glasses ausgerüsteten Cyber-Big-Brother von über dem großen See, dessen Rosinenbomber einst hier landeten und der heute mit den Tentakeln einer Datenkrake, wie sie sich Hermann Melville oder Jules Verne oder H P Lovecraft nicht übler hätten ausdenken können, nach unserer Identität geifert. Ohne Rücksicht auf Verluste, wie etwa Menschen, die den digitalen Wandel nicht mitnehmen wollen und nicht mitnehmen können. Lieber Tim Renner, entschuldigen Sie das drastische Bild vor meinem inneren Auge - ich bin eben früher viel in Bibliotheken gegangen.

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