Mach's gut, Kumpel

1994, Juli, Schwarzwald, WestwegDer Rucksack, den man zu tragen hat, sollte wenigstens, wenn er schon schwer ist, dafür gut sitzen. 1993 erwarb ich so ein Exemplar, einen Macpac Traverse, 60 Liter.

Das war einer der ersten, bei denen die Stangen des Innengestells herausnehmbar waren. Sie konnten leicht durch Verbiegen des Aluminiums an die Anatomie des Rückens angepasst werden. Nach der ersten Anprobe war klar: wir gehören zusammen. Es war schon immer einer der schwereren Rucksäcke, aber das spielte nie eine Rolle, weil 1. die Polsterung und Tragehalterungen ausserordentlich bequem sassen und 2. das Gewicht dadurch erkauft wurde, dass der Rucksack wasserdicht war. Das Besondere an den Macpacs war Anfang der 90er, dass die Materialfäden beim Zusammenspinnen mehrfach imprägniert wurden. Das ergab einen strapazierfähigen und wasserdichten Stoff. Empfohlen hatte ihn ein Kommilitone, der einen Macpac für Motorradtouren nutzte. Selbst bei strömendem Regen im Fahrtwind blieb der Rucksackinhalt trocken.

1994, Juli, Schwarzwald, Westweg, Hornisgrinde 1994, Juli, Schwarzwald, Westweg 1994, Juli, Schwarzwald, Westweg, Carlstein 1994, August, Schottland, West Highland Way, Loch Lomond 1994, August, Schottland, West Highland Way, Loch Lomond 1994, August, Schottland, West Highland Way, Loch Lomond 1994, August, Schottland, West Highland Way 1996, September, Studentenpfad 1998, Dezember, Schwäbische Alb

Nun, nach ziemlich genau 20 Jahren, muss ich mich von meinem Kumpel trennen: es begann damit, dass das Plastik spröde wurde. Zuerst platzte eine kleine Befestigungsplatte auf dem Rucksack ab, die brauchte ich eh nie, also vorerst kein Problem. Dann brach die Halterung eines der Träger. Da die Träger jedoch mit Bändern eingebunden sind, war auch das kein Problem und ich hatte die Hoffnung, so einen Träger als Ersatzteil bekommen zu können.

Dann kam der finale Todesschuss: bei einer Motorradtour nach Jena im Oktober letzten Jahres platzte die Gepäckspinne auf der Autobahn, von einem letzten Faden gehalten rutschte der Rucksack zur Seite. Als ich anhielt konnte ich das volle Ausmass des Unglücks begutachten: ausgerechnet der Teil mit der Rückenpolsterung war genau auf dem Auspuff gelandet. Da, wo mal die sagenhaft bequeme Polsterung war, klaffte jetzt ein verbranntes Loch. Damit ist so ein Rucksack wohl tatsächlich nicht mehr zum Wandern geeignet ...

Nun heisst es also Abschied nehmen, nicht so einfach bei so einem langjährigen treuen Weggefährten. Im September 1993 begleitete er mich in die Schweiz, für eine Radtour an die norditalienische Küste und weiter nach Venetien und in die Toskana. Im Februar 1994 eine Thüringen-Tour (Jena, Naumburg, Gotha) und im Juli 1994 die große Wanderung im Schwarzwald - der Westweg von Pforzheim nach Basel. Im August 1994 der West Highland Way in Schottland und Ende 1994 bis März 1995 die Emigration nach Italien, wo ich fast einmal die italienische Staatsbürgerschaft annahm.

Im Juli 1995 ein Pfadfinder-Revival mit einer Wanderung in Irland. Im November 1995 die Dolomiten-Wanderung in der Presanella-Gruppe mit der Übernachtung unter freiem Himmel auf 2000 Meter. Ich habe noch lebhaft vor Augen, wie ich erwachte, warm und trocken in meinem Schlafsack und gefrorenen Reif und Kondenswasser auf der Aussenhaut. Im Januar 1996 die erste Winterwanderung im Schwarzwald bei Hausach. Juli 1996 in Prag, September 1996 die Wanderung auf dem Studentenpfad von Giessen nach Kassel. März 1997 Venetien, im Juni die Ethnologen-Exkursion nach Amsterdam und Leiden. Im März 1998 in Südtirol unterwegs, im August 1998 die Wanderung im Elsass.

Winterwanderung auf der schwäbischen Alb zu Neujahr 1999, im Juni 1999 wandern im Kaufunger Wald. Und zu Neujahr 2000 nochmal Winterwanderung auf der schwäbischen Alb. Januar 2000 kulturwissenschaftliche Exkursion nach Graz und im August 2000 5 Wochen Norwegen, Oslo bis zum Nordkap. Im März 2001 in der Toskana, August 2001 in Brabant und Belgien. Die vielen Besuche in Marseille 2002 und die Wochen in der Camargue sowie der Juni in Paris.

2003 kam der Führerschein für Auto und Motorrad, Wandern geriet etwas in's Hintertreffen. Dafür begleitete mich der Rucksack brav zum Wartburgtreffen bei Dresden 2006 und zu einer letzten gemeinsamen Wandertour im Mai 2009 in Sachsen. Die ganzen kleineren Wochenend-Ausflüge zwischendurch sind da gar nicht mitgezählt ... unvergessen auch, wie mich eine ältere Dame im Zug auf meinen Rucksack ansprach. Es stellte sich heraus, dass sie aus Neuseeland kam und sich freute wie Bolle auf einen Macpac zu treffen. Die Marke scheint eine Art Nationalstolz zu sein.

Ich kann mich schlecht von Dingen verabschieden, die mich so lange treu begleitet haben, aber es ist offensichtlich - die Tage des Traverse sind gezählt. Ein neuer Rucksack ist bereits angeschafft und auch schon getestet - ein Fjäll Räven Kajka, der mich durch Einfachheit und ein paar raffinierte Features begeistert. Ist ebenfalls gut anpassbar, saubequem und hat die erste Motorradtour im Regen bereits bewiesen, dass er als würdiger Nachfolger des Macpac durchgehen kann. Aber seht selbst.

Feed für diesen Eintrag

  • Kathleen am Confusion 2, 3179, 23:27

    Ein Nachruf mit Fernwehpotenzial! Werde bei der nächsten Anschaffung wohl genau prüfen, was ich mir ins Haus hole und hoffe auf ebenso ein Prachtexemplar.

  • Regine Heidorn am Confusion 2, 3179, 23:48

    Drum prüfe wer sich ewig bindet :D
    Seit ich mit dem Mistzeug klarkommen musste, das mein pfennigfuchsender Vater immer für mich ausgesucht hatte, weiss ich, dass es sich im Outdoorbereich lohnt, gutes Zeug anzuschaffen. Es hält nicht nur unverhältnismäßig länger in Relation zum Mehrpreis, sondern macht auch mehr Spaß.

  • Lukas am Confusion 3, 3179, 00:05

    Wie gerade schon bei Twitter erwähnt, hab ich noch nie einen so schönen Nachruf auf einen Rucksack gelesen. (Wobei ich mir aber gerade auch nicht sicher bin, ob ich überhaupt schon mal einen Nachruf auf einen Rucksack gelesen habe.)

    Ich kann sehr nachvollziehen, was du hier schreibst: Ich habe vor acht Jahren einen "TCM Trail Nature 50+10 Explorer" gekauft, das ist ein großer Wanderrucksack von Tchibo und hat damals gerade mal etwa 50 Euro gekostet. Mittlerweile hat der schon ziemlich viel mitgemacht: Wurde um diverse Seen und auf viele Berge getragen, hat an Demonstrationen und Blockaden teilgenommen und war auch sonst ziemlich viel unterwegs. Obwohl er schon ziemlich viel mitgemacht hat, hat er alles durchgehalten. Von ein paar verlorenen Schnallen (die aber problemlos ersetzt werden konnten) und ähnlichen Kleinigkeiten abgesehen, hat er alles problemlos überlebt. Ich hatte und habe auch andere (kleinere) Rucksäcke, aber so gut sitzen wie dieser doch recht günstige Rucksack tut sonst keiner.
    Ich hoffe, dass er mich noch sehr lange begeleiten wird, und hoffe daher, dass der Zeitpunkt, an dem er das Zeitliche segnen wird, noch sehr weit in der Zukunft liegt.

    Wird eigentlich Zeit, ihn mal wieder durch die Gegend zu tragen.

  • Regine Heidorn am Confusion 3, 3179, 05:26

    Es ist natürlich auch beim Outdoor-Gear wie überall - der Preis lässt nicht darauf schliessen, was man tatsächlich bekommt :-) Umso wichtiger ist es, voll nach Gefühl zu gehen - bei Dir hört es sich ein wenig nach "zugelaufener Hund" an, aber Zufallsfreundschaften sind ja meist eh die besten.

  • Lukas am Confusion 6, 3179, 13:08

    Das sollte auch kein Pladoyer pro Billigware sein ;-) Ich hatte damals nicht so viel Geld und außerdem keine Ahnung von Rucksäcken, daher habe ich halt einfach so einen günstigen gekauft – und damit Glück gehabt.

    Mittlerweile achte ich auf jeden Fall auf Qualität beim ganzen Outdoorgeraffel, insbesondere wenn das sprichwörtliche Leben dran hängen soll.

  • Rusk am Chaos 70, 3182, 19:03

    Ich habe auch schon lange solch einen Rucksack und hatte jetzt auch das Problem mit den Trägern. Da ich den Rucksack aber nur sehr wenig genutzt hatte, wollte ich ihn nicht wegwerfen. Ich bin dann über die Homepage des Herstellers an einen sehr netten und kompetenten Kundendienst in Holland geraten, wo ich für 30€ (inkl. Porto) neue Träger bekommen habe. Jetzt ist mein MacPack wieder wie neu :-)))

  • Regine Heidorn am Discord 5, 3182, 14:42

    Oh, sehr schön :-) Ja ... wenn da nicht die Sache mit ausgebrannten Rückenpolster gewesen wäre, hätte ich nichts unversucht gelassen. Ist ja eine gute Idee, die Träger so anzubringen, daß sie austauschbar sind und MacPack hat wohl schon entsprechend treue KundInnen - zu recht.

    Auf irgendeiner Zugfahrt sprach mich mal eine Neuseeländerin darauf an, sie war sichtlich stolz, ich denke zu recht.

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