Hebammentochter

Hebammen-Logo ©Dorothea Heidorn Als ich im Oktober 1971 geboren wurde, habe ich 2 Hebammen ausgetrickst. Die eine war die Krankenhaus-Hebamme, die meiner Mutter nicht glauben wollte, daß es doch ganz gut wäre, mal den Stand der Geburt zu untersuchen: "Das könne gar nicht sein." Die andere war meine Mutter, die damals gerade mit der Hebammenausbildung fertig war und zur Geburt im Krankenhaus bewußt ihren Beruf verschwiegen hatte, um zu erleben, wie sich eine Geburt im normalen Klinikalltag anfühlt. Kurz: als die Klinikhebamme sich dann doch zu einer Untersuchung hinreißen ließ, war ich schon so ziemlich da.

So richtig bewußt wurde mir der Beruf meiner Mutter, als ich in die Grundschule ging, etwa 3. oder 4. Klasse. Sie arbeitete im Kreiskrankenhaus einer hessischen Kleinstadt. Wenn sie Rufbereitschaft hatte, kam es schon mal vor, daß sie sich mitten in der Nacht aufs Mofa schwang, Hebammenköfferchen auf dem Gepäckträger, und eben aufpasste, daß Kinder gut zur Welt kommen konnten. Damals hatte ich dazu noch kein Verhältnis, es war eben der Beruf meiner Mutter und für mich völlig normal. Kinder werden ja schließlich geboren und es ist ja eine wundervolle Sache, die da passiert.

Die nächste berufliche Station meiner Mutter war schon einschneidender in das Familienleben: sie wurde an die Uniklinik Giessen berufen, um dort die Hebammenschule aufzubauen und zu leiten. Das war mit einem Umzug verbunden und für mich mit einem nicht ganz unproblematischen Schulwechsel, bei dem ich in die 6. Klasse aus dem Gymnasium zurück in die Förderstufe degradiert wurde. Ausserdem ging es meiner Mutter dort nicht gut.

Die entkernte Scheune Wir zogen mit einer anderen Familie in das Pfarrhaus Giessen-Rödgen, ein größeres Gelände mit Scheune, Stall und Garage, das ursprünglich wohl mal von den Grafen zu Buseck erbaut wurde. Die Fachwerk-Scheune wurde komplett entkernt und umgebaut: oben unter dem Dach wir, darunter das Entbindungshaus. Die Entscheidung, nicht mehr als Lehrhebamme zu arbeiten, sondern selbständig ein Entbindungshaus zu eröffnen, kam natürlich nicht aus heiterem Himmel. Und ich rechne es meinem Vater hoch an, daß er diese Idee komplett mitgetragen hat.

Kurzer Einschub: es geht hier um die Zeit Anfang/Mitte der Achtziger Jahre, die 2. Frauenbewegung war in vollem Gange, überall schossen Frauenhäuser aus dem Boden. Frauen waren der Meinung, ihr Bauch gehöre ihnen und das Gebären sei ihre ureigene Kompetenz. Sie wollten nicht mehr nur die Pille schlucken müssen, sondern suchten nach anderen Verhütungsmethoden. Auf gesetzlicher Ebene wurde dafür gekämpft, daß Vergewaltigung auch in der Ehe strafbar sei. Und daß Vergewaltigungsopfer als Nebenklägerinnen anerkannt würden. Der Ruf nach Frauenbeauftragten auf allen Ebenen wurde laut. Das sind jetzt so ein paar Punkte, die ich in meiner Biographie in dieser Zeit so verorte. Die ersten CSDs fanden in Deutschland statt, es bildete sich eine FrauenLesben-Szene mit eigenen Räumen für Frauen und Selbstverteidigungskursen.

Die Scheune ist ein Geburtshaus geworden Dann war der Umbau der Scheune irgendwann fertig. Ich konnte als erste einziehen und während ich unter dem Dach schon mein Zimmer hatte, sturmfrei, wurde unter mir noch gebaut, ich wohnte quasi auf einem Abenteuerspielplatz. Am 1. Juli 1985 war es soweit: das erste moderne Geburtshaus Deutschlands öffnete seine Türen. Ich fand das alles spannend: es kamen werdende Eltern zu Besuch (ein großer Teil übrigens selbst Mediziner!) und öfter wachte ich nachts auf von den Geburten. Am nächsten Tag war ich neugierig, wie die Geburten gelaufen waren. Einmal war ein Geschwisterkind dabei, für das plötzlich niemand mehr Aufmerksamkeit hatte und das recht erschreckt darüber war, welche Geräusche da aus dem Geburtszimmer kamen. Aber ich wusste ja Bescheid und so saßen wir vor dem Zimmer und schrieen mit, damit das Baby gut auf die Welt käme.

Bei einigen Geburten war ich auch dabei, das waren tolle Erlebnisse. Ich war jedesmal zu Tränen gerührt und voller Bewunderung für meine Mutter, die alles immer sehr aufmerksam beobachtete und im richtigen Moment immer das Richtige tat. Und das Glück in den Augen der werdenden Eltern zu sehen ... später interviewte ich für die Deutsche Hebammenzeitschrift mal die Lehrhebamme meiner Mutter, Maria Hipp. Gegen Ende ihrer aktiven Hebammenzeit sprach sie nur noch davon, daß sie sich "mal wieder eine Geburt gönne."

Mit "das Richtige tat" meine ich übrigens auch, daß sie immer rechtzeitig erkannte, wenn eine Verlegung in ein Krankenhaus notwendig wurde. Und zwar so rechtzeitig, daß alle Beteiligten sich in Ruhe darauf vorbereiten konnten, der Krankenwagen rechtzeitig da war und auch das Krankenhaus noch genügend Zeit hatte, alles vorzubereiten. Sie selbst sagt dazu, daß sie als Hebamme den normalen Ablauf einer Geburt so gewöhnt sei, daß es sofort spürbar sei, wenn etwas schiefginge. Tatsächlich hat sie auch Frauen abgelehnt, wenn etwa medizinische Indikationen vorlagen, die nur im Krankenhaus fachgerecht versorgt werden konnten. Oder eben auch, wenn die Psychologie nicht stimmte. Wie ihre Lehrhebamme mir im Interview sagte: "Unter der Geburt dürfen sie mit nichts verunsichern." Und das ist eben die Kompetenz von Hebammen: sowohl medizinisch fundiert als auch psychisch und mental einen Schutzraum zu schaffen, in dem eine normale Geburt stattfinden kann.

Meine Mutter erkannte schnell, daß Geburtshäuser eine Chance hätten, wenn dort nicht nur die Geburt stattfände, sondern auch einige Tage Pflege. Am besten für die ganze Familie, damit es einen ruhigen, betreuten Rahmen gäbe, in dem der gerade gelandete neue kleine Mensch in Ruhe und Würde ankommen könnte. Medizinisch hatte sie so viel Erfahrung, daß sie nur die Untersuchungen machte, die notwendig waren. Tatsächlich lernte sie ihr Handwerk als das, was die Hebammerei eben ist: ein Hand-Werk. Ich erinnere mich, wie sie an die Hebammenschule mal eine Vertreterin einlud, die die neuesten Ultraschall-Geräte vorstellte. Ihre Tast-Diagnose war mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar treffsicherer. Und mit Sicherheit angenehmer, als der für das Kind laute und für die werdende Mutter kalte Kontakt mit einer herzlosen Maschine. Bevor Mißverständnisse entstehen: der Maschinenpark, der in medizinischen Versorgungszentren vorgehalten wird, ist ebenfalls notwendig. Aber eine Geburt ist keine Krankheit und nicht alles, was im Notfall wichtig ist, muss auch unter normalen Umständen angewandt werden.

Zurück zum eigentlichen Vorteil von Geburtshäusern gegenüber Hausgeburt und Krankenhaus, der Möglichkeit, einige Tage an einem persönlich betreuten Ort bleiben zu können. Meine Mutter kämpfte 9 lange Jahre alleine, ohne Unterstützung der Berufsverbände, dafür, daß Krankenkassen ein entsprechendes Tagegeld übernehmen. Sie gewann letzten Endes (das Urteil läuft unter Aktenzeichen L-1/Kr-586/89 vom 16. Dezember 1993, Hessisches Landessozialgericht Darmstadt). Und blieb erstaunlicherweise das einzige Geburtshaus mit Übernahme des Tagegeldes. Dabei gab es viele Geburtshausgründungen in diesen Jahren, die sich eigentlich nur auf dieses Urteil hätten beziehen brauchen. Man nennt das übrigens Vorkämpferin. Auch ein Netzwerk für Geburtshäuser, das als Leistung für die Mitglieder anbot, die Stellung gegenüber Krankenkassen zu stärken, schaffte es nicht, durchzusetzen, daß Krankenkassen prinzipiell den Aufenthalt in Geburtshäusern nach der Geburt übernehmen.

Zwar gab es mal eine Erhöhung der Geburtenpauschale, ansonsten verbesserte sich die Situation von Hebammen nicht sonderlich. Soweit ich es erinnere. Dafür wehte ein harter Konkurrenzwind um Bettenbedarfe. In Deutschland übernimmt die Krankenkasse seit 1957 die Kosten für eine Geburt im Krankenhaus. Davor gab es niedergelassene Gemeindehebammen und die Kosten für eine Geburt im Krankenhaus wurden im medizinisch induzierten Notfall von den Kassen übernommen. Schon allein deshalb ist es vorderste Aufgabe einer Hebamme, möglichst früh zu erkennen, wann eine Geburt im Krankenhaus stattfinden sollte. Anders wäre eine geburtsmedizinische Betreuung gar nicht möglich gewesen. Die Welle von Geburtshausgründungen war möglicherweise eine Bedrohung für die Bettenbedarfspläne der Krankenhäuser, auf denen die Abrechnung mit den Kassen basierte.

Und dann gab es die Idee, es müsse ja auch Männern möglich sein, Hebamme zu werden. Kurzerhand wurde der Beruf der Hebamme in Geburtshelferin umbenannt. Hat sich aber nicht wirklich etabliert. Wohl vor allem, weil es nicht sehr viele Frauen gab, die die Dienstleistung Geburtshilfe durch einen Mann nachgefragt haben. Klassischer Fail von User Experience an den Bedürfnissen der User vorbei.

Ja, ich bin in einem Geburtshaus aufgewachsen. Und ich habe verdammt viel mitbekommen von dem, was alles an einem vitalen Hebammenwesen hängen kann. Vorsorge, Nachsorge, Geburtsvorbereitung, persönliche psychosoziale Aufmerksamkeit - es geht um mehr, als einfach nur den rein mechanischen Ablauf einer Geburt. Und jetzt sieht es nach dem Ende der Hebammerei aus. Wegen zu hoher Versicherungskosten - Kind entschädigt - Hebamme pleite. Unsere Web-Aufmerksamkeit geht in Klicks auf Petitionen, während ein Prozess gegen eine Hebamme kaum mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Ich bin traurig, weil Vieles von dem, was gerade passiert, so absehbar war. Mich wundert es jedenfalls nicht. Aber ich habe eben eine Mutter, die in weiser Voraussicht und mit der hebammentypischen Achtsamkeit die Zeichen der Zeit schon sehr früh deutete. Und ja, ich bin stolz auf das Lebenswerk meiner Hebammen-Mutter die von sich sagt: "Ich bin zu Hause im Bett meiner Mutter geboren und ich meine, ich bin ein ganz brauchbarer Mensch geworden, der unter Umständen im Gehirn ganz gut funktioniert." Umso mehr, als ich hautnah erfahren habe, welche Kraft dafür nötig war und ist. Dabei habe ich in diesem Blogpost ja nur die Oberfläche des Eisbergs angekratzt. Es gibt einen sehr schönen Film, "Die Helfer des Klapperstorchs", der ja leider aus der Mediathek der ARD depubliziert wurde. Da gibt es eine wunderschön gefilmte Geburt im Entbindungshaus meiner Mutter zu sehen und so viel von dem ganzen Drumrum wurde sensibel, aber auch kritisch eingefangen.

Unterm Strich geht es ja nicht um einen esoterisch-schulmedizinischen Grabenkampf, sondern darum, Wahlmöglichkeiten (sowohl für ein Krankenhaus als auch für ein Geburtshaus) zu erhalten und die Möglichkeit, einen normalen Lebensvorgang, für den der weibliche Körper bestens ausgestattet ist, auch als solchen unter optimalen Umständen stattfinden zu lassen. Das ist es zumindest, was ich unter qualifizierter medizinischer Versorgung einer Bevölkerung verstehe.

Feed für diesen Eintrag

  • Hannah am Chaos 51, 3180, 00:17

    Ein schöner Artikel.
    Herzlichen Dank.

    Nach vielen Artikeln von Müttern, die mit ihren grauenhaften (Krankenhaus-) Geburten als Intension zum Lobgesang auf die Rolle ihrer Hebe ansetzen, tut er mir gerade richtig gut.

    Viele Grüße

  • Corinna am The Aftermath 38, 3180, 20:12

    Sehr sehr schön geschrieben. Ich kenne Doro seit ich ca. 8 Jahre alt bin. Meine Mama war Jahre lang für sie im Büro eine Hilfe und in vielen Dingen ihre rechte Hand. Was auch noch heute so ist. Ich hatte das Glück, dass Doro mir nach der Geburt meiner Zwillinge mit Rat und Tat zur Seite stand und sie wird auch im nächsten Jahr wieder meine Nachsorge-Hebamme. Ich bin froh das es sie gibt und ich sie kennen lernen durfte.

  • Regine Heidorn am The Aftermath 45, 3180, 21:28

    Ha, Corinna, das ist ja lustig, welche Kreise dieser Blogpost zieht :-) Ich könnte mir gut vorstellen, daß meine Mutter die Einzige ist, die ihn nocht nicht kennt :D Liebe Grüße nach Rödgen, falls Du da noch bist ...

  • Stefanie am Bureaucracy 27, 3181, 20:23

    Hallo Regine,
    eigentlich wollten wir die Kontaktdaten von Doro raussuchen, weil Mami sie mal wieder auf dem Heimweg von uns (bei Dortmund) nach Trossingen spontan besuchen will. Dabei sind wir auf deinen Artikel gestoßen. Ich habe nur noch ganz dunkle Erinnerungen an das Geburtshaus, aber noch ein paar an Dich :-) Schreibst Du? Könnte sein, dass ich im Okt./Nov. ab und an in Berlin bin jobmässig - schick doch mal deine Telefonnummer per Email rüber - dann könnten wir uns auf nen Kaffee treffen.
    Viele Grüße,
    Steffi (ehemals Weitzmann) und Neli war der Patensohn von Doro :-)

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