Gewalt gegen Frauen - eine Ausstellung 1984

Gewalt gegen Frauen, Ausstellung 1984Gewalt gegen Frauen - eine Ausstellung, die im Dezember 1984 in der Orangerie Kassel stattfand. Dazu erschien vom Frauenhaus Kassel ein Katalog, der sich seit nunmehr einigen Jahrzehnten in meinem Bücherregal befindet.

Schon einige Male hatte ich überlegt, was ich damit tun könnte, denn ich halte ihn für eine zeitgeschichtliche Dokumentation. Es dürfte nicht mehr allzu viele Exemplare geben und die Inhalte sind mir zu schade dafür, in irgendwelchen Archiven zu verdämmern. Daher also die Idee, den Katalog zu verbloggen. Nicht eins zu eins, das wäre zu umfangreich, aber Abschnitt für Abschnitt, je nachdem, was das Druckwerk so hergibt.

Ziel des Verbloggens ist es, die Geschichtlichkeit von Gewalt gegen Frauen zu erhellen. Gerade hörte ich den Zündfunk-Podcast über rapeculture und war angetan von der historischen Dimension, die darin zur Sprache kommt. So versuche ich, mich zu erinnern, wie 1984 für mich geprägt ist. Als erstes fällt mir ein, dass es eine heisse Debatte über Vergewaltigung in der Ehe gab: "Am 26.6.86 fand eine Anhörung vor dem Rechtsausschuß des Bundestages statt, die Mehrheit der 23 Sachverständigen sprach sich für die Strafbarkeit der ehelichen Vergewaltigung aus. Mit den Stimmen der CDU und CSU und bei Stimmenthaltung der Grünen wurde der Gesetzentwurf der SPD abgelehnt. Die Begründung der CSU lautete, Ehefrauen könnten mit der Behauptung, sie seien vergewaltigt worden, den Wunsch nach Abtreibung rechtfertigen." - Jörg Rudolph, Vergewaltigung in der Ehe, Diplomarbeit 1997

1984 war der Umzug mit der ganzen Familie nach Giessen, wo meine Mutter als Lehrhebamme die an die Universität angegliederte Hebammenschule aufbaute. Ich kam in die 6. Klasse und war in meiner Freizeit unter anderem damit beschäftigt, die in einem ungenutzten Hinterhof gerade besetzten Frauenräume zu besuchen. Mir gefielen die Gespräche, das, was nun als rapeculture diskutiert wird, hiess damals strukturelle Gewalt gegen Frauen und wurde als Fundament gesehen, das Gewalt gegen Frauen erst ermöglichte. Das Private war politisch - die Solidarisierung in geschützten Räumen half enorm gegen Entfremdungs- und Ohnmachtsgefühle. Durch die Arbeit meiner Mutter war ich ziemlich sensibel für alles, was mit weiblicher Körperlichkeit zu tun hatte. Vor allem damit, was auf weibliche Körper so projiziert wurde - ich fand, nur weil ich eine Frau sei, müsste ich meinen Körper nicht besonders herrichten. Es war noch nicht lange her, dass es selbstverständlich wurde, dass Mädchen keinen Rock trugen. Lange Haare mochte ich zwar, aber sie waren unpraktisch und brauchten Pflege - ich war mit Leben beschäftigt und hatte keine Zeit für so Mädchenkram.

Die dritte Generation der RAF war aktiv, in der sog. Frauenszene gab es ein Verständnis dafür, was Psychiatrisierung von Frauen bedeutete (daran knüpfte später die Hysterie-Diskussion an). Es war immer noch schwierig, öffentlich über häusliche Gewalt zu sprechen, folglich auch für Betroffene nicht einfach, Handlungsmöglichkeiten oder Auswege zu finden, es gab ja noch viel zu wenig Frauenhäuser. Wer sich nicht wehrt steht am Herd - es gab noch nicht viele Lebensentwürfe für Mädchen jenseits der Ehe und damit der weiblichen Nebenberufe wie Krankenschwester und so weiter.

Seit etwa 2 Jahren war Aerobic angesagt, massenweise kamen Videorekorder und VHS-Kameras auf den Markt, Konsum, vor allem mit Kreditkarte, wurde zum Zeichen von Selbstverwirklichung - man konnte alles erreichen, wenn man nur wollte. Ebenfalls seit 2 Jahren war Helmut Kohl Bundeskanzler, kein Signal für Veränderung trotz der Aufmischung in der Politik durch die Grünen. Eine Kontextualisierung der 80er bietet übrigens die Serie The '80s - The Decade That Made Us.

In all diesem Trubel fand die Ausstellung "Gewalt gegen Frauen" statt, aus dem Vorwort zur Notwendigkeit der Ausstellung: "Noch vor zehn Jahren weigerten sich Institutionen und Behörden, vom Problem 'geschlagener Frauen' zu wissen. Fast einhellig. In jeder dritten Ehe wird geprügelt. Vom Mann. Ständig überfüllte Frauenhäuser - mittlerweile dürften es zweihundert sein - sind trauriger Beweis des gesellschaftlich geduldeten bis unterstützten männlichen Größenwahns. Nichts anderes ist der Versuch, sich Frauen untertan zu halten, sich anzumaßen, Herr über das Leben oder gar den Tod von Frauen zu sein." Disclaimer: Ich zitiere aus dokumentarischen Gründen, nicht weil das Zitat meine Meinung oder Wortwahl wiedergibt.

"Frauen verdienen ein Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen. Doppelt so viele Frauen sind arbeitslos als Männer. Jede viertel Stunde wird eine Frau vergewaltigt. Fünfundneunzig Prozent aller Lehrenden an Hochschulen sind Männer. Frauen in Parlamenten und Parteien sind vereinzeltes Unkraut in der männlichen Monokultur. Dreiviertel aller weiblichen Auszubildenden konzentrieren sich auf fünfzehn von vierhundert Ausbildungsberufen." Ich habe mich dafür entschieden, den Katalog zu verbloggen, weil es mich interessiert, inwieweit sich die Situation heute geändert hat. Das betrifft die Wahl des Ausstellungsformats an einem Ort, um ein Thema zu platzieren. Die Entscheidung, in einem Katalog zu dokumentieren und, wie das heute heisst, das "Wording". Der Vorwurf, die verwendete Sprache sei sexistisch oder verhetzend, ist mir zu oberflächlich. Denn hier geht es auch darum, überhaupt erstmal Worte, Sprache für Verhältnisse zu finden, die dringend ans Licht der Öffentlichkeit gehörten. Insofern spiegelt die Sprache nicht nur den Kontext ihrer Zeit und Bewegung, sie zeigt auch die Suche nach Verständlichung und den Wunsch zur Veränderung.

"Weil dies alles [die obigen Verhältnisse, Anm. von mir] von Frauen nicht freiwillig gewählt wurde, fassen wir es unter den Begriff 'Gewalt'. [...] Das fünfjährige Bestehen des Frauenhauses in Kassel ist kein Grund, rauschende Feste zu feieren, aber ein guter Anlaß, Frauenunterdrückung zu dokumentieren, zumindest eine Auswahl des üppigen Angebotes. [...] Die Ausstellung 'Gewalt gegen Frauen' wird gemeinschaftlich von verschiedenen Frauengruppen und einzelnen Frauen inhaltlich gestaltet und ausgerichtet. [...] Einig waren sich alle Mitarbeiterinnen, von der üblichen Stellwandausstellung mit viel Schrift wegzukommen, um ermüdendes Lesen möglichst zu vermeiden. Und weil Wörter die Realität glätten, abstrahieren und leblos machen."

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  • Mercé am Bureaucracy 20, 3179, 13:26

    Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung!
    Ich freue mich sehr, auf meiner langen Suche nach dem Ausstellungskatalog endlich fündig geworden zu sein. Ich besuchte die Ausstellung damals von der benachbarten Herderschule aus und verzichtete auf den Bio-Unterricht. Dem Lehrer begegnete ich dann am Ende der Ausstellung. Deshalb kann ich mich gut erinnern. Aber natürlich auch daran, dass mich, Schülerin der 12. Klasse, die Ausstellung nachhaltig beeindruckt hat, gerade im Kontext der (gefühlt) beginnenden Debatte über Gewalt gegen Frauen. Zu wissen, dass die Ausstellung als zeitgeschichtliche Dokumentation aufgearbeitet wird, beruhigt und erfreut mich.
    Danke dafür,

    Mercé Ferrando-Melià

  • Regine Heidorn am Bureaucracy 20, 3179, 19:56

    Oh, Danke für die Rückmeldung - tatsächlich bin ich noch nicht viel weiter gekommen mit dem Verbloggen des Katalogs. Und hoffe, demnächst wieder Zeit dafür zu finden ...

  • Theresa Dann am Chaos 16, 3181, 14:47

    Sehr geehrte Frau Heidorn, ich bin auf der Suche nach dem Namen der Künstlerin die das Cover für diesen Katalog entworfen hat. Wäre es Ihnen bitte möglich mir Namen, Werktitel und Jahr (falls angegeben) zu übermitteln?

    Vielen lieben Dank!

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