Fonoterroristi dall'astronave Deep Space Ferdinando: 99 Posse

99 PosseEin Post, der hier schonmal erschien, auf der alten WordPress-Engine (die ich glücklicherweise los bin) vom 14.5.2007: Heute morgen frisch aus dem Raumschiff Deep Space Ferdinando abgeworfen: Ein T-Shirt, ein Buch "Di come la 99 Posse cadde sulla terra" (Wie die 99 Posse auf die Erde fielen) mit einer CD-ROM und eine DVD mit dem Film "Fame chimica".

Ich wollte schon länger mal über die 99 Posse schreiben bloggen, jetzt scheint mir pünktlich zum G8 und im Zuge der Mai-Festspiele der richtige Moment zu sein, von den Phonoterroristen zu berichten. Die 99 Posse (in der deutschen Wikipedia ist immer noch kein Eintrag vorhanden) bildeten sich im Oktober 1991 im Zusammenhang mit dem am 1. Mai 1991 besetzten Officina 99, einem centro sociale occupato autogestito (besetztes und selbstverwaltetes soziales Zentrum), im Stadtteil Gianturco, Neapel. Die erste Zeit war geprägt von der Zusammenarbeit mit Almamegretta (ein Wort, das in einem Dialekt irgendwo zwischen dem späten Latein und dem vulgären Italienisch angesiedelt ist, eigentlich anima migrante, also wandernde Seele) und Bisca.

Zum ersten Mal stolperte ich über die 99 Posse als ich 1998 auf der Suche nach Lied-Material für ein autonomes Seminar über italienische Liedermacher an der Uni Marburg war. Damals fiel mir der Trikont-Sampler "Parole Italiane" in die Hände, bei einer italienischen Dozentin entdeckte ich die 1995 erschienene "Guai a chi ci tocca" (Wehe, wer uns berührt). Obwohl ich die überwiegend neapolitanischen Texte nicht immer ganz verstehen kann, beeindrucken 99 Posse nicht nur durch ihre musikalische Vielfalt, die zwischen HipHop, Rap, Reggae, Dub und Ska angesiedelt und stark durch lokale Traditionen geprägt ist.

In einem der frühen Stücke, "Sott'attaco dell'idiozia" (Unter Attacke der Idiotie), kommen Einflüsse aus dem Punk zum Tragen. In der Live-Version aus der "Incredibile opposizione"-Tour 1994 werden bewusst musikalische Zitate aus dem sog. Volksmund und der Chart-Musik eingestreut, um zu verdeutlichen, wo überall die Idiotie wirkt. Die Ironie dabei ist geradezu entwaffnend, wenn eine Band aus diesem gesellschaftlichen Umfeld "We are the world, we are the children" anstimmt, wo die Repression doch nicht zu übersehen und auch nicht zu leugnen ist.

Am deutlichsten sind die Umstände der Entstehung in dem Stück "Curre curre guaglió" (Renn renn, Junge) erfasst, das die Stimmung schildert, aus der heraus die Centri Sociali besetzt wurden. Die gleichnamige erste Scheibe, 1993 noch bei BMG Ricordi erschienen, gibt schon das Programm der folgenden Jahre vor:

  • globalisierte Wirtschaftsmechanismen heruntergebrochen auf die Ebene des Individuums (Salario garantito - Mindestlohn),
  • die Thematik der staatlichen Beglaubigung der Existenz (in Anlehnung an die Sans Papiers - kein Mensch ist illegal, in dem Stück O' documento - das Dokument: "Gib mir das Dokument, falls Du Dich später nicht mehr erinnerst, das Dokument hast Du mir gegeben ... Pass, Ausweis, Führerschein, ein schönes Dokument, früher oder später wirst Du's mir geben, ein schönes Dokument zur Identifikation ... das Du alle Tage kontrollieren kannst", das Ganze untermalt von einer konterkarierenden Tuba-Linie im Volksfest-Stil),
  • faschistische Gewalt, die sich innerhalb des Systems bildet und beim Fussball entlädt (rigurgito antifascista - antifaschistisches Überquellen, evtl. auch aus dem Magen, "Durch Gehorsam unter der Woche aufgestaute Frustrationen, dem Gehorsam einer Macht, die Instrument des Kapitals ist", die Sklaven der Sklaven),
  • die Verhältnisse vor der eigenen Tür (Napoli: "Stadt, die vergessen, ausgebeutet und verstossen ist, von allen verachet, aber Agnelli hat's Spaß gemacht"),
  • die Wut über die gesamtgesellschaftlichen Zustände in odio - Hass,
  • "Rappresaglia" als Wortspiel aus Rap und Repression,
  • "Tuttaposto" (alles in Ordnung), Cover von Bob Marleys "Everything is gonna be alright", später gibt es eine Zusammenarbeit mit Linton Kwesi Johnson für ein Cover von "Making history" - Facendo la storia.

"Curre curre guaglió" ist auch auf dem Soundtrack zu "Sud" enthalten, einem Film, der sich mit der sozialpolitischen Situation in Italien, den Centri Sociali, der Arbeitslosigkeit und sog. Randgruppen beschäftigt. 1994 gründen sie das Label Novenove, das jungen Künstlern eine Stimme geben soll, die im Massenbetrieb der großen Labels keinen Platz finden. Schon früh taucht auch das Logo mit dem Knüppel vor einem roten Fünf-Stern auf. Der Knüppel ist in seiner Darstellung dem As des neapolitansichen Blatts des italienischen Kartenspiels Scopa entnommen. Logo der 99 Posse mit dem Im Laufe der 90er Jahre entstehen weitere Alben, wie z. B. 1996 "Cerco Tiempo", von dem 80.000 Exemplare verkauft wurden. Viel für Underground-Verhältnisse, jedoch sollte "Corto circuito" 1998 diese Zahl noch verdoppeln. Diese beiden Alben enthalten gut aufbereitete Multimedia-Anwendungen, die über politische Aktionen und Reaktionen informieren. Musikalisch findet eine dynamische Weiterentwicklung zum elektronischen Bereich statt, die Texte werden teilweise subtiler und teilweise deutlicher, wie z. B. der Refrain von "Spara!" - Schieß!: "Ich bin einer von ihnen und Du schießt! Ich bin arabisch und Du schießt! Ich hab mich geirrt in meiner Geburt und Du schießt! Ich bin Einwanderer und Du schießt! Ich bin arm und Du ..." Dabei werden die Umstände, unter denen diese Agressionen entstehen, genau beobachtet und in den Texten auf den Punkt gebracht, meist im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Globalisierung wie z. B. in "Pagherete caro" - Ihr werdet teuer bezahlen: "Ihr werdet sie teuer bezahlen, all die Arroganz Eures Geldes! Ich weiss nicht mehr, was ich noch versuchen soll, ich habe ernste Zweifel, dass Du kapieren könntest. Ich weiss nicht, was ich noch versuchen soll, stark ist die Versuchung, Dir etwas Schlechtes zu tun."

Jegliche Volkszugehörigkeitspropaganda wird konsequent entlarvt, indem der Druck entgegengestellt wird, den die (volks- und welt-)wirtschaftlichen Verhältnisse erzeugen. Zeit ihres Bestehens sehen sich die 99 Posse als dynamischen Zusammenschluss von Persönlichkeiten, die ein gemeinsames Ziel verwirklichen können. Im Januar 2005 trennen sie sich und gehen eigene Wege in unterschiedlichen Projekten, weiterhin verbunden durch die Arbeit im Label Novenove. Als cantautori, Liedermacher, kann man die Posse sicher nicht bezeichnen, andererseits waren die Werke der cantautori durchaus gesellschaftspolitisch geprägt mit dem Anspruch, aktiv auf die Verhältnisse einzuwirken. Ähnlich einem Ivano Fossati, der das soziale Leben als Ball sieht, in dem wir uns mehr oder weniger anmutig bewegen, erfinden 99 Posse "Fujakka": "Es ist ein Ball, ein wenig fremdartig, er hat keinen italienischen Rhytmus, heisst nicht tucatuca. Den hat nicht Celentano erfunden. Es ist ein Tanz, der eine gewisse Agilität fordert, der daraus besteht, vor der sogenannten Autorität zu fliehen." Ein Stück wie "Balla e piensa" - Tanze und Denke ist im Grundrhytmus durchaus volkstümlich mit bewussten Versätzen aus der Tarantella, eine gelungene Mischung mit elektronischen Elementen. Sie ist nämlich durchaus tanzbar, die Musik der 99 Posse (lustig, da hat jemand mein damaliges Bild ungefragt in das Video kopiert, sogar mein damaliges Wasserzeichen ist noch zu sehen :D):