Duell-Debattenbingo

Auf der OpenMind 13 stolperte ich über das Rhetorische Quartett und war sofort hemmungslos begeistert. Hab natürlich gleich zugegriffen.

Zum Kennenlernen haben wir erstmal ein abgespecktes Quartett gespielt. Wer nach einer Karte fragte, bekam sie nur, wenn das entsprechende Argument vorgebracht werden konnte. In guter Erinnerung ist mir der Gegenbeweis - als ich nach der Kartennummer fragte und erfuhr, worum es ging, antwortete ich: "Das steht da nicht drauf!" und schon hatte ich die Karte. man kann damit jedoch auch Debattenbingo spielen und das gestrige TV-Duell schien uns bestens geeignet für einen Probelauf. Wir spielten eine kleine Variante mit 4x4 Karten. Ich hab die Stoppuhr laufen lassen und notiert, wann wir welche Karte umgedreht haben. Es gibt ein Transkript des Duells, aus dem ich im Folgenden die Zitate entnehme.

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 0:53: Wunschdenken (Eine Aussage mit dem Wunsch nach ihrer Wahrheit begründen) - Peer Steinbrück spricht von seinen Vorstellungen von Deutschland. Das an sich ist vielleicht noch nicht ausreichend für Wunschdenken - ausschlaggebender fanden wir die Prämissen, von denen er dabei ausgeht: "Mich bewegt die Vorstellung von einem Land das wirtschaftlich stark ist, weil es sozial gerecht zugeht. Das mehr in seinen ökonomischen Wohlstand ist und seine gesellschaftliche Zusammenarbeit investiert. Ich hab die Vorstellung von einem Land, in dem jeder von seiner Hände Arbeit leben kann, in dem das Normalarbeitsverhältnis, das unbefristete, das sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnis auch der Normalfall ist."

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 3:43: Traditionsargument (Berufung auf Tradition) - Angela Merkel fischt im konservativen Lager: "natürlich gibt es viele Sorgen, viele Nöte, aber wir haben gezeigt dass wir es können. Und das in einer schwierigen Zeit, in einer Zeit in der wir die schwerste europäische Krise hatten – und Deutschland steht stark da, Deutschland ist Wachstumsmotor, Deutschland ist Stabiliätsanker, und diesen Kurs möchte ich fortsetzen und ich glaube, dass das, was wir gezeigt haben doch Menschen überzeugt."

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 6:12: Angstargument (Erweckung von Befürchtungen) - Peer Steinbrück nennt besorgniserregende Zahlen (die so absolut aus dem Zusammenhang gerissen sind), um die Versäumnisse der Merkel-Regierung zu illustrieren. Er lässt anklingen, welche Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung herrschen, bietet jedoch keine Lösung an: "Sieben Millionen Menschen verdienen unter 8,50 Euro. 1,4 Millionen verdienen so wenig, dass sie aufgestockt werden müssen. Viele Menschen fragen nach bezahlbarem Wohnraum, sie wollen wissen, was ist mit Pflege. Was ist mit meiner Alterssicherung. Was ist eigentlich mit den Aufstiegschancen meiner Kinder, werden die von einem Werkvertrag in den anderen gebracht? Oder auch mit Blick auf die Energiepreisentwicklung … Was ist mit unserer Infrastruktur, verfällt die eigentlich, wie uns einige bestätigen."

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 15:06: Themenwechsel (Ablenkung von der ursprünglichen Diskussion auf ein unstrittiges Thema) - Auf die Feststellung, dass 76% der Deutschen sagen, ihre wirtschaftliche Situation sei gut oder sehr gut und daher die Lust auf einen Politikwechsel doch eher gering sei, wechselt Peer Steinbrück von einer zufriedenen Gegenwart zu einer unsicheren Zukunft: "Tja, und gleichzeitig beschäftigt die Menschen aber: wie sieht es mit meiner Zukunft aus? Wie sieht es mit der Pflege meiner Angehörigen und von mir aus? Wann war die letzte Pflegereform. Wie sieht es aus mit der Bekämpfung gegen die Altersarmut? Was ist mit der Finanzlage meiner Kommune? Wie wird eigentlich diese Energiewende gestaltet? Kommen wir da eigentlich voran: ja oder nein?"

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 18:50: Falsches Dilemma (zwei sich widersprechende Optionen als einzige Lösung präsentieren und Alternativen verschweigen) - Angela Merkel spricht über den Euro und Griechenland: "warum setzt sich Deutschland so für die Lösung dieser Krise ein. Weil der Euro Deutschlands Wohlstand sichert, weil der Euro Deutschlands Arbeitsplätze sichert, weil das unser ganz individueller Vorteil ist. Und deshalb ist Europa gut für uns. Und da sind Länder in Schwierigkeiten geraten. Und die Länder sind in Schwierigkeiten geraten – ich komme gleich dazu – die Länder sind in Schwierigkeiten geraten, weil man in Europa schon bei der Einführung des Euro Fehler gemacht hat, und später nicht auf Verlässlichkeit gesetzt hat. Und deshalb haben wir diese Länder unterstützt mit Garantien – bei Griechenland gab es auch einen freiwilligen Schuldenerlass der privaten Gläubiger. Und als das jetzige Griechenland-Paket eingeführt wurde, da hat der Finanzminister bereits darauf hingewiesen, das haben auch die damals vorgelegten Tabellen gezeigt, dass es für 2015/2016 noch einen Finanzierungsbedarf gibt. [...] Keiner weiß wie sich Griechenland genau entwickelt, keiner weiß wie sich die Dinge in Griechenland genau entwickeln. Ich als Bundeskanzlerin habe die Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass der Reformdruck auf Griechenland nicht nachlässt."
Option 1: Der Euro ist gut für Deutschland, ein "individueller" Vorteil. Option 2: Der Euro ist fehlerhaft, deshalb mussten wir anderen Ländern helfen. Alternativlose Lösung: Angela Merkel als Bundeskanzlerin. Wobei ich mir bei der nüchternen Beschreibung ihrer Tätigkeit als Bundeskanzlerin denke, dass das jedeR BundeskanzlerIn tun würde - ist halt die Aufgabe von denen.

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 24:10: Emotionale Erpressung (Durch Manipulation der Gefühle des Gegenübers versuchen, Zustimmung zu erzwingen) - Peer Steinbrück erinnert daran, dass Deutschland nach dem 2. Weltkrieg auch geholfen wurde, deshalb sollte Deutschland jetzt anderen europäischen Ländern helfen. Die sich ja noch dazu mit den Deutschen über deren Wiedervereinung gefreut haben: "Deutschland ist auch mal geholfen worden. Ist vergessen. Deutschland ist sehr massiv geholfen worden nach dem Zweiten Weltkrieg. Marshall-Programm - im Wesentlichen oder alleine West-Deutschland, leider nicht Ost-Deutschland. Und Deutsche sollten uns daran erinnern, dass diese Länder uns auch die Hand gereicht haben zur Europäischen Einigung, dass sie sich gefreut haben, über die Deutsche Wiedervereinigung und daraus ergibt sich, wie ich finde, eine europapolitische Verantwortung diesen Ländern behilflich zu sein und zwar nicht nur mit einem Konsolidierungskurs, der sie aufs Krankenlager nagelt." Dass Angela Merkel in Griechenland öfter mal mit Hitler verglichen wurde zusammengenommen mit der Verpflichtung zur Betroffenheit, mit der die Thematisierung des 2. Weltkriegs in Deutschand konnotiert ist - da könnte ein veritabler Godwin (reductio ad Hitlerum) drinstecken (der übrigens als Trumpfkarte "Moralkeule" im rhetorischen Quartett enthalten ist). Zusammen mit dem Hinweis auf die milde Gnade des Wohlwollens anderer Länder um uns herum kann man aus emotionaler Verwirrung gar nicht mehr anders, als zur Rettung Griechenlands zuzustimmen.

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 32:01: Suggestion (an eine vermeintlich unstrittige Grundannahme appellieren) - Angela Merkel lässt ihrer Bewunderung für Gerhard Schröder freien Lauf, in der Annahme, dass sein Parteikollege Peer Steinbrück unstrittig zustimmt. Das Ganze gipfelt darin, dass sie das Erbe Schröders besser zu verteidigen weiss als die Sozialdemokraten selbst indem sie bei neoliberalem Egoismus landet: "Gerhard Schröder - ich scheue mich nicht das zu sagen - hat sich um Deutschland verdient gemacht. Wundern tut mich nur, dass die Erfahrung, die wir doch gemacht haben, wie es besser geworden ist und es ist nicht sofort besser geworden, das haben Sie ja auch gesehen, sondern es hat 2-3 Jahre gedauert. Dass man diese Erfahrung jetzt nicht weitergibt an die anderen Länder, sie ermutigt, solche Reformen auch zu machen. Und wir sehen doch jetzt die ersten zarten Pflänzchen des Wachstums und dem wird auch wieder mehr Beschäftigung folgen, das sind die ganz normalen Zyklen, wie sich die Dinge entwickeln und deshalb heißt es, diesen Kurs fortzusetzen - nicht über Vergemeinschaftung von Schuldentilgungsfonds zu sprechen, nicht über Eurobonds zu sprechen - was immer auch wieder von der Sozialdemokratie gemacht wird, sondern einfach zu sagen: Jeder muss seiner Eigenverantwortung gerecht werden."

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 36:30: Selektive Wahrnehmung (Wahrnehmung und Bewertung von Ereignissen durch die eigenen Erwartungen filtern) - Angela Merkel spricht über ihre Siege gegen Steuerflüchtlingsheime in Steueroasen. Kein Zweifel, dass es aus ihrer Sicht als Bundeskanzlerin wichtig ist, dass möglichst viele ehrliche Steuerzahler die Erwartung erfüllen, genügend Steuern zu zahlen: "dass man der Steuerhinterziehung schärfer hinterher sein muss, weil es in der Tat alles Andere ist als irgendein Kavaliersdelikt, es ist eine Katastrophe, wie viel Geld uns verloren geht. Wir werden den automatischen Informationsaustausch unter allen Ländern vereinbaren und wir werden den Kampf gegen Steueroasen, also Plätze, an denen multinationale Konzerne zum Beispiel heute sind und überhaupt keine Steuern zahlen, den werden wir auch einheitlich regeln. Das ist ein riesen Fortschritt und da ist lange dran verhandelt worden und dass wir da jetzt endlich einen Schritt voran kommen, ist eine wirklich gute Botschaft für die, die in der Tat ehrlich ihre Steuern zahlen"

Ich hatte damit mein Bingo voll. Wir haben trotzdem weitergespielt:

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 39:18: Umdeutung (durch Umformulierung die konnotierte Wertigkeit eines Sachverhaltes ändern) - Peer Steinbrück formuliert mal eben einen CDU-Slogan um: "Nein, der Satz von Frau Merkel und der CDU: 'Sozial ist was Arbeit schafft' ist nicht die Meinung der SPD und nicht von mir. Sozial ist was gute Arbeit schafft, die anständig entlohnt wird. Die Zunahme des Missbrauchs von Leiharbeit, von Werkverträgen ist ein zentrales Thema, es spaltet unseren Arbeitsmarkt, das spaltet Gesellschaft, das sorgt dafür, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft brüchig wird, der aber eine wesentliche Voraussetzung ist auch für unser ökonomisches Wohlergehen. Und deshalb ist die SPD der Auffassung, dass dieser Mißbrauch von Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkverträgen, Minijobs eingegrenzt werden muss."

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 48:26: Unrepräsentative Stichprobe (eine Stichprobe untersuchen, die sich von der Grundgesamtheit unterscheidet) - Peer Steinbrück spricht davon, dass "Zuwächse bei den Pensionen im öffentlichen Dienst nicht überproportional sein können gegenüber den Entwicklungen des Rentenniveaus". Darauf pickt sich Angela Merkel die unrepräsentative Stichprobe "Polizisten, die Lehrer, die Justizvollzugsbeamten" heraus als Beispiel für Pensionäre, denen es nicht besser gehe, als dem Otto-Normal-Rentner und wird auf einmal zur Freundin des kleinen Mannes. Mutti sagt, wen der kleine Mann nicht wählen sollte, sehr fürsorglich.

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 59:50: Ausrede (ein Gegenbeispiel als Ausnahme darstellen) - Angela Merkel wird auf den miserablen Zustand des Gesundheitssystems am Beispiel von massenhafter Unterversorgung angesprochen und redet sich mit berühmten Einzelfall heraus. Fast könnte ich sie sagen hören: "Das muss ein statistischer Ausrutscher sein.", so das Besipiel für eine Ausrede auf der Quartett-Karte: Anne Will: "Der medizinische Dienst der Krankenkassen hat gerade festgestellt, dass Patienten Hörgeräte, Krankengeld und Rehas verweigert werden, massenhaft, können sie da noch mal selbstbewusst wiederholen, dass ihre Regierung die erfolgreichste ist seit der Wiedervereinigung?" Angela Merkel: "Ja das kann ich. Wir haben einen Anspruch und der heißt, dass jeder Mensch, die Gesundheitsversorgung bekommt die er braucht. Und in Deutschland ist dies im großen Ganzen - Einzelfälle kann ich nicht ausschließen, da komme ich gleich drauf - ist sie gewährleistet."

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 71:12: Chewbacca-Verteidigung (Nonsensargument ohne Relevanz oder Bezug zum Thema) - angesprochen auf den Abhörskandal durch die NSA oder den GCHQ antwortet Angela Merkel, sie habe ihren Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, nicht verletzt, denn auf deutschem Boden würde ja deutsches Recht eingehalten. Diesen Nonsens leitet sie ein mit den Worten: "Das waren und sind schwere Vorwürfe. Wir gingen dem nach, ich denke erst, dann entscheide ich, dann handle ich." Etwas ungeschickt, mit dem den Vorwürfen nachgehen so lange beschäftigt zu sein, dass weiterhin Schaden entsteht.

Karte des rhetorischen Quartetts (rhetorisches-quartett.de)Minute 73:34: Ignoranzargument (Ablehnung eines Standpunktes aus persönlichem Unglauben oder Unverständnis) - Frage der Moderatoren: "Wussten sie, dass es den Datenklau gibt oder sind sie auch erst von Snowden drauf hingewiesen worden?" Angela Merkel: "Ich habe viel in dem Ausmass nicht gesehen, und bin sehr froh dass es Internetunternehmen in den USA gibt, die mit der Sprache rausrücken, wie sie sich beschränkt fühlen. diese Diskussion wird helfen, dass wir internationale Abkommen hinbekommen." Toll, diese Unternehmen in den USA, die uns erzählen, wie beschränkt sie sich in den USA fühlen. Aber in Deutschland, da sorge die Telekom für Transparenz. In Palmströmscher Manier schliesst Merkel messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Punktestand: Jede der Karten hat Punkte für Boshaftigkeit, Sachlichkeit, Themenbezug und Überzeugung. Bevor ich zur Auswertung komme, möchte ich feststellen, dass die Karten rein zufällig ausgewählt wurden. Mit anderen Karten hätte sich möglicherweise ein anderes Blitzlicht auf das TV-Duell ergeben. Viele Karten kamen bei uns nicht zur Anwendung, weil wir viel zu gewissenhaft diskutierten und so dem politischen Weichspüler nicht beikommen konnten. Jedenfalls ergibt sich folgende Punktwertung:

Angela Merkel: Boshaftigkeit 20 Punkte, Sachlichkeit 23 Punkte, Themenbezug 25 Punkte, Überzeugung 22 Punkte.
Peer Steinbrück: Boshaftigkeit 19 Punkte, Sachlichkeit 6 Punkte, Themenbezug 11 Punkte, Überzeugung 14 Punkte.

Wir hatten Spaß mit den Karten und ich habe den Tatort nicht vermisst.

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