Dresdner Dunst

Ausgelöst durch diesen Blogpost und weil ich diese komische, fast schon skurrile Pegida-Nummer in den letzten Wochen sehr aufmerksam verfolgt habe und weil ich in den letzten Jahren öfter mal mit Dresden zu tun hatte: ein Versuch, meine Gedanken dazu zu formulieren und vllt auch ein wenig zu sortieren. Ich will vorwegschicken, daß mir durchaus klar ist, daß die Vorkommnisse der letzten Wochen auch anderswo hätten stattfinden können bzw genauso oder ähnlich passieren könnten. Mir geht es nicht um eine Diskreditierung von Dresden, im Gegenteil, ich habe dort einige grossartige Menschen kennengelernt. Allerdings scheint sich dort der Nebel gerade derart zu verdichten, daß der Dunstniederschlag sichtbar wird.

Khaled Bahray wurde von einem anderen Flüchtling ermordet

Aufgrund der bisherigen Inkompetenz der Dresdner Polizei bin ich tief in meinem Innersten einfach nicht überzeugt davon, daß jetzt auf einmal korrekt gearbeitet wurde (unabhängig vom Resultat, auch wenn sich herausgestellt hätte, daß es eine sog rassistisch motivierte Tat gewesen wäre). Das hat nicht nur damit zu tun, wie dieser "Fall" bearbeitet wurde und wie der Bund Deutscher Kriminalbeamter auf die Anzeige von Volker Beck reagierte. Beachtlich finde ich an der verlinkten Pressemitteilung, wie der Bundesvorsitzende des BDK, André Schulz, dort als Autor über sich selbst berichtet. Da ist die völlig unsachliche Ausdrucksweise des BDK-Vorsitzenden in seinem Tweet über angebliche staatsanwaltliche Ermittlungen nur ein weiterer Tropfen, der den Dresdner Dunst verdichtet. Und zwar dahingehend, daß hier ein Mensch am Werke ist, der offenbar keine professionelle Distanz zu seinem Beruf hat.

Dieser Eindruck der Inkompetenz hat für mich auch mit den (angeblichen) Anschlagsdrohungen gegen Lutz Bachmann zu tun, wo noch niemand diesen ominösen arabischen Tweet gesehen hat. Und auch die angebliche Warnung anderer Geheimdienste scheint zweifelhaft, wenn man dem Zeit-Artikel glauben darf. Dann noch die unverhältnismäßige Reaktion darauf ... wirklich, Dresden steht mit diesem komischen aufgescheuchten Wischiwaschi in meinen Augen sehr sehr seltsam da.

"Es ist nicht ganz leicht auszuhalten, dass die andere Seite vielleicht 'recht' hatte"

- das war auch mein erstes Gefühl, dem nicht nur mein Mißtrauen aufgrund der Inkompetenz zugrunde liegt. Mich interessiert in erster Linie nicht, wer nun recht hat. Ich will einfach nur wissen, was passiert ist - am ehesten kann ich das aus diesem taz-Artikel entnehmen (Pegida sollte sich bei der taz bedanken und für "Lügenpresse" entschuldigen!). In so einer aufgeheizten Stimmung ist es schon fast nicht mehr möglich, erstmal ruhig Blut zu bewahren. Offensichtlich auch nicht von "der anderen Seite". Deren makaberster Vorwurf scheint mir der Verdacht, "die" würden sich Verletzungen ja vllt selbst zufügen, um die öfftl Meinung zu beeinflussen. Bisher haben wir davon noch nichts gehört. Falls Khaled Bahray tat-sächlich (wie in "sachliche Tat", also ohne vorzeitige Spekulationen von keiner Seite) von einem Mitbewohner aufgrund von Streitigkeiten getötet wurde, berechtigt diese Tat-Sache noch lange nicht zu einer dermaßen hintertriebenen Spekulation. Mal ganz abgesehen davon, daß "die andere Seite" durchaus selbst dazu neigt, Selbstverletzung in Kauf zu nehmen, um das üble Spiel mit der Manipulation der öfftl Meinung auf ein neues Level zu treiben.

Vernebelter Sumpf

Solche Nebelbomben helfen eben auch nicht, klare Sicht zu gewinnen, nach welcher Seite auch immer. Ich habe mich schon immer gefragt, woher diese Tradition des Bombengedenkens kommt. Disclaimer: bloß weil Menschen dieses Ereignisses gedenken, muss ich persönlich ihnen noch nicht irgendeine Gesinnung unterstellen. Allerdings konnte mir bisher auch noch niemand erklären, warum das tat-sächlich immer noch einen so wichtigen Stellenwert in dieser Region hat. Es interessiert mich wirklich, ob es irgendeinen Grund jenseits eines Traditionsarguments für dieses alljährliche Ritual gibt. Und wenn es allein aus Tradition stattfindet - was für eine Tradition ist das und welche Wirkung erhoffen sich die teilnehmenden Menschen von ihrem Tun? Was ist daran so wichtig, daß es jährlich auf's Neue performt werden muss? Welches Signal soll davon an die Zeitgenossen der Jetzt-Zeit und ausserhalb Dresdens gesendet werden? Ich möchte wirklich gerne eine Antwort auf diese Fragen. Niemand aus Dresden konnte mir das bisher beantworten. Die interessanteste Antwort, die ich bislang erhielt, war: "Das ist für die Dresdner insbesondere nach dem Mauerfall wichtig geworden, damit durch die Aufmerksamkeit für die Bombardierung Dresdens Versicherungsansprüche geltend gemacht werden können." Um es mit den Worten einer Freundin zu sagen: "Diese Argumentation ist in ihrer Realitätsverdrehung schon fast von filigraner Schönheit."

Die Sehnsucht nach vorschnellen Be-deutungen

Gibt es ein Recht auf Deutungshoheit? Leitkultur? Jenseits ideologischer Filter - Nein, das gibt es nicht. Als schlagendstes Argument möchte ich auf den Streit um die sog Leitkultur verweisen. Sämtliche Definitionsversuche einer Deutschen Leitkultur verendeten jämmerlich in der Erkenntnis, daß selbst innerhalb einer Deutschen Staatsbürgerschaft keine Deutschen existieren, die mit den postulierten Merkmalen identisch wären. Daran werden auch die Organisatoren von Pegida verdunsten: Im Zuge des Rücktritts von Lutz Bachmann prüft das Volk eine Unterlassungsklage gegen das Volk, die ... von wem eigentlich gerichtet werden soll, vom anderen Restvolk? (Leider hat das als Pegida e.V. lizenzierte Volk keine eigene Webseite, so daß ich dummerweise keinen verifizierten URL für die Presseerklärung nehmen kann und damit leider auf die Verlautbarungen der Lügenpresse angewiesen bin bzw auf irgendeinen Bild-Speicher-Link irgendeiner Social-Media-Plattform.)

Oder, wie es Hannah Beitzer in ihrer Kritik des Auftritts von Kathrin Oertel bei Günther Jauch auf den Punkt bringt: "'Viele denken, die Demokratie ist eigentlich eine Firma, die hat zu liefern. Wenn sie nicht liefert, dann kündigt man', sagte neulich der Konfliktforscher Andreas Zick in einem Interview über Pegida. Pegida will nicht reden, nicht diskutieren, nicht verhandeln. Pegida will recht bekommen." Die Demokratie als eine Firma zu sehen, deren Kunde man ist - genau das scheint mir derzeit der springende Punkt zu sein. Ein Bild, das auch gerne in der politischen Rhetorik bemüht wird und sich deutlichst nicht nur in den HartzIV-Reformen niederschlägt, sondern auch in deren Entstehungsgeschichte eingeschrieben ist. Eine soziale Gesellschaft kann eben nicht wie eine Deutschland-AG geführt werden.

Ich möchte mir also weiterhin den Neujahrsvorsatz zu Herzen nehmen, den Hans Hütt in einem Facebook-Kommentar zum Bleigiessen formuliert hat: "die Wahrheit erkennen und widerständig zu werden gegen die Sehnsucht danach, vorschnell Bedeutungen zu geben." Dabei sehe ich Wahrheit nicht als etwas einmal zu Erkennendes und dann für immer in Blei Gegossenes. Vielmehr (wie ich es bei der Odyssey of Failure 2014 lernte) im Sinne Sartres als etwas, das sich dauernd wandelt in unterschiedlichen Kontexten. An dessen Erkenntnis wir daher zwingend permanent scheitern müssen. Oder anders formuliert: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" - auf der Suche nach einem Weg durch den Dresdner Dunst, der uns auch anderswo begegnen kann, sollten wir uns auch von der Wahrheit nicht den Verstand vernebeln lassen.

Feed für diesen Eintrag

Kommentieren

Wer da?
Meine Rede

©2013 Regine Heidorn läuft auf Habari mit Inuit.css und nutzt Font Awesome sowie den Podlove Web Player. Die Header-Graphik kommt von Apfel Zet.