Die Arroganz Eures Geldes

"Pagherete caro
tutta l'arroganza del vostro danaro.
Pagherete tutto
non ho niente da perdere se non miseria e lutto."

"Ihr werdet teuer bezahlen für die Arroganz Eures Geldes. Ihr werdet alles bezahlen, ich hab nichts zu verlieren ausser Elend und Kämpfe." So 99 Posse 1998 auf ihrem Album Corto Circuito. Und gestern begegnete mir diese Arroganz des Geldes in Form der willigen Helfer des Neoliberalismus.

Stein des Anstosses war ein Paketabholzettel von GLS mit dem Hinweis, dass das abzuholende Paket nicht etwa im Laden nebenan oder im Laden bei mir im Haus abgegeben wurde, sondern im 900 Meter entfernten Paketshop. Klar, ist ja einfacher für den Auslieferer, gar nicht erst irgendwo anzuklingeln, sondern gleich zum Paketshop gesammelt zu liefern. Und ich darf das jetzt ausbügeln, indem ich zu einer menschlich bestückten Packstation aka Lottoladen gehen darf. Es handelt sich um unförmige Regalböden mit sicher genug Gewicht, die ich nun herumschleppen darf, Danke dafür.

Ein Anruf bei GLS brachte folgende Antwort: laut unserer AGB ist es Ihnen zumutbar, die Sendung bei einem Paketshop abzuholen. Mag ja sein, aber dafür habe ich nicht bezahlt, der Auftrag lautet Anlieferung an meine Adresse. Ja, habe man ja gemacht, ich wäre ja nicht dagewesen. Anders wäre die Sache, wenn ich anwesend gewesen wäre - dann würde man "aus Kulanz" noch einmal anliefern. Das ist ja schon sehr serviceorientiert - wenn der Fahrer zu faul ist, anzuklingeln, dann muss man als Kunde auch noch dankbar sein, dass man "kulanterweise" nochmal einen Tag auf den Fahrer warten darf. WTF?

Falls mir der Weg zu weit wäre oder ich kein Auto hätte, könnte ich doch Freunde fragen. Ja, klar, ich beauftrage, dass mir ein Paket an meine Adresse zugestellt wird und weil das Management eines Logistik-Konzerns sich mal wieder Massnahmen ausgedacht hat, wie die Fahrer Zeit sparen könnten, soll ich jetzt auch noch meine Freunde belästigen. WTF?

Ein weiterer Anruf bei dem Online-Versand brachte zutage, dass sie als Auftraggeber auch nicht mehr machen könnten. Ja, antworte ich, es ist mir schon klar, dass es vom Management bei GLS so gewünscht ist, dass ich die Zeitersparnis des Fahrers ausbügle. "Richtig", antwortet mir der Mann vom Versand, "das vermute ich auch sehr stark. Aber wenn Sie danach gehen, dürften Sie keine billige Jeans mehr kaufen." "Weiss ich, ohne die genaueren Bedingungen Ihrer Beschäftigung zu kennen, dürfte ich auch nicht bei Ihnen bestellen." "Genau, so ist es." "Wir müssten uns am besten gleich umbringen, denn Leben ist in unserem System wohl zu teuer geworden." "Das kann man so sehen." WTF?

Also im Klartext: Wir wissen alle, woran wir uns da beteiligen. Ich wäre ja bereit, 20 Cent mehr Porto zu bezahlen, damit die Fahrer, die mich beliefern, anständig bezahlt werden. Aber das würde ja nicht passieren, denn die 20 Cent würden eher in der Tasche eines gierigen Geldfuzzis landen, als beim Fahrer. Was mich daran ärgert, ist, dass ich sicher bin, dass der Manager, der sich die tolle Zeitsersparnis ausgedacht hat, mit Sicherheit mehr an Boni und Gehaltserhöhungen bekommt, als seine Sparmassnahme dem Konzern einbringt. Anders ist es ja nicht zu erklären, dass die Fahrer in prekären Ausbeutungsbedingungen arbeiten müssen, während sich andere die Taschen vollstopfen und teure Hotels für ihre Optimierungsmeetings buchen.

Und genau diese Arroganz des Geldes ist es, die mich so ankotzt! Die Arroganz, mit der damit gerechnet wird, dass ich ja weiss, dass die Fahrer "arme Schweine" sind (wie der Mensch des Versands mir erklärte) und daher wohlwollend solidarisch doch sicher den Weg zum Paketshop auf mich nehme. Und selbstredend Freunde habe, die mir damit evtl helfen. WTF?

Diese Arroganz des Geldes ist es, die sich in der Begegnung zwischen mir und einem Paketfahrer spiegelt, wenn er abgehetzt vor mir steht, Stress im Blick. Und ich nicht anders kann, als ihn bestenfalls verständnisvoll anzuschauen. Eigentlich eher mitleidig, weil er so einen Job machen muss. Eigentlich eher ängstlich, weil ich ja selbst nicht weiss, wo ich in 5 Jahren stehen werde. Eigentlich eher beschämt, weil der Mensch etwas für mich tut und sich dabei ausbeutet. Genau dieses Elend und dieser Kampf ist es, die wir zu verlieren haben, wenn für die Arroganz des Geldes endlich bezahlt werden wird.

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